Jetzt hämmers gschafft

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Donnerstag, 30. Juni 2011 - 19:43

Der Bundestag hat heute am Donnerstag mit breiter Mehrheit dem Atomausstieg bis 2022 zugestimmt. Insgesamt 513 Abgeordnete oder 85,5 Prozent stimmten für das Gesetz, 79 dagegen, 8 enthielten sich. Die wenigsten Nein-Stimmen gab es bei den Grünen, nämlich keine.

Wyhl

Im Juli 1973 wurde verkündet, dass in Wyhl am Kaiserstuhl ein Atomkraftwerk gebaut werden soll. Kurz nach dieser Ankündigung begannen Bürger aus Wyhl und Umgebung gegen den Kraftwerksbau zu protestieren. Überall in der Gegend, auch im gegenüberliegenden Elsass, gründeten sich Initiativen gegen den Bau: Kernkraftwerk Wyhl.

Beim Aufräumen fand ich ein kleines Liederheft aus Wyhl mit 42 Liedern, viele entstanden aus den Bürgerbewegungen gegen das Atomkraftwerk, einige von so bekannten Liedermachern wie dem in Karlsruhe geborenen Walter Mossmann oder dem Elsässer Roger Siffer. Der in Freiburg lebende Volksbarde Walter Mossmann kann seit Mitte der 1990er Jahre nicht mehr als Sänger auftreten, da ein Kehlkopfkrebs seine Singstimme zerstört hatte.

W.M.
2004 wurde Walter Mossmanns Lebenswerk mit dem Ehrenpreis des deutschen Weltmusikpreises RUTH, der Ehren-RUTH, gewürdigt, um die Besonderheit seines bisherigen Lebenswerkes in den Mittelpunkt zu stellen. "Walter Mossmann stellt ein lebendiges Beispiel für die Einheit des künstlerischen Schaffens mit der Kritik an den bestehenden Verhältnissen und Ungerechtigkeiten dieser Welt dar. Er lebt diese Einheit bis heute..." Walter Mossmann

Das in dem Liederbüchlein abgedruckte Gedicht "Normal oder Radikal" schrieb Walter Mossmann (W.M.) am 20. November 1975 unter dem Eindruck eines Zwischenfalles am 19. November im Atomkraftwerk Gundremmingen, bei dem zwei Arbeiter durch austretenden heißen, radioaktiven Dampf ums Leben kamen: Kernkraftwerk Gundremmingen.

©

 

Normal oder Radikal

Als am 19. November 1975

im Atomkraftwerk Gundremmingen

(an der schönen blauen Donau)

die Arbeiter Otto Huber und Josef Ziegelmüller

von einer radioaktiven Dampfwolke getötet wurden,

erklärten die Verantwortlichen unverzüglich:

"Zweifelsfrei" war dies ein normaler

Betriebsunfall. Ein "kleinerer"

(sagte der Minister), "menschliches Versagen,

Schuld sind die Opfer"

 

Normal ist:

Eine Kesselexplosion. Ein Grubenunglück. Hochwasser.

Die statistisch berechenbare Quote der Unfälle

im Straßenverkehr, Leberkrebs in PVC-Fabriken.

Grippe. Ein Flugzeugabsturz. Blei in der Luft.

Quecksilber im Wasser. Staublunge. Dann und wann

ein konventioneller Krieg.

 

Während der normale Betriebsunfall noch dampfte

- an der schönen blauen Donau - hörten wir in Wyhl

(am schönen Rhein) diese Versicherungen

der Verantwortlichen. Unablässig fließen sie

aus ihren Rednermündern. Väterhänden. Computerhirnen:

..Zweifelsfrei ist das normale

Unfall-Risiko in Atomkraftwerken

ausgeschlossen (Wahrscheinlichkeit:

'Eins zu fünf Milliarden'). Wir, sagen sie,

tragen die Verantwortung. Dafür

stehen wir gerade."

 

Ach während sie so gerade stehen

legen wir uns krumm. Über uns

nimmt das Schicksal seinen normalen Lauf.

Diesen da bläst es die Konten auf. Anderen

bläst es eine radioaktive Dampfwolke

auf den Bauch. Das nächste Mal können es tausend Bäuche sein,

oder hunderttausende, oder mehr.

 

"Das" wird dann ein Minister sagen ".ist ein normaler

Betriebsunfall, wenngleich ein 'größerer', aber

zweifelsfrei beherrschbar."

So auch wir: Lebendig oder

im Leichenschauhaus - beherrschbar.

 

Unbeherrscht und eigensinnig

zweifelt mancher mit mir am notwendigen Schicksal

der Normalität. Geschmückt mit dem Maulkorb

auf dem losen Mundwerk (wer zweifelt ist: radikal,

ein Aufwiegler. Hetzer. Feind der verfassten Normalität);

verfolgt von den ständig wachsenden

Sicherheitsorganen (die lautlosen Saugnäpfe am Telefon);

ach und verdächtig gemacht den eigenen Leuten

(„..artfremd ist uns der Zweifel" sagt der Minister

im Dialekt - die tödlichen Strahlenbündel lobend); also

vermehren wir uns unter Schwierigkeiten, ja

achtundzwanzigtausend am Rhein, ja und bald auch

an anderen Flüssen, ja und schließlich

unbeherrschbar.

W.M. 20.11.75


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