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„Unser täglich Brot … Die Industrialisierung der Ernährung“ Große Landesausstellung Baden-Württemberg vom 29. Oktober 2011 bis zum 29. April 2012
Freitag, 28. Oktober 2011 - 19:43

Unser täglich Brot
Lebensmittelskandale, Diätwahn oder Bio-Boom geben immer wieder Anlass, um unsere aktuellen Ernährungsgewohnheiten zu diskutieren – und damit letztendlich zu hinterfragen, wie wir leben wollen. Dank einer hochentwickelten Ernährungsindustrie, ihrer ausgeklügelten Produktions- und Distributionstechniken stehen uns heute Lebens-mittel in nie gekanntem Umfang zur Verfügung. Hungersnöte wie noch im 19. Jahrhundert sind heutzutage in Europa unvorstellbar. Dennoch: Bis heute erreicht auch in Deutschland der Nahrungsüberfluss nicht alle. Weltweit hungern 850 Millionen Menschen. Gleichzeitig müssen sich die Industrienationen mit den gesellschaftlichen Nebenwirkungen des Essens-Überflusses auseinandersetzen, seien es Fettleibigkeit oder übertriebene Schlankheitsideale. Diese Themen nimmt die Große Landesausstellung Baden-Württemberg im TECHNOSEUM in den Fokus: Die Schau „Unser täglich Brot … Die Industrialisierung der Ernährung“, die vom 29. Oktober 2011 bis zum 29. April 2012 zu sehen ist, nimmt die Besucherinnen und Besucher mit auf eine interaktive Zeitreise durch 200 Jahre Lebensmittelherstellung.

„Das Bewusstsein für Ernährungsfragen und die weltweiten ökologischen Konsequenzen der Produktionszusammenhänge in der Nahrungsmittelindustrie ist in den letzten Jahren stark gewachsen. Mit dem TECHNOSEUM haben wir in Baden-Württemberg ein erfolgreiches Landesmuseum, das sich mit dieser wie mit anderen aktuellen und gesellschaftlich auch kontrovers diskutierten Fragestellungen aus Politik, Wirtschaft und Naturwissenschaft und Technik auseinandersetzt. Die aktuelle Ausstellung versetzt Besucherinnen und Besucher durch die Diskussion von Chancen und Risiken in die Lage, sich eine eigene Meinung zu bilden“, so Theresia Bauer, Ministerin für Wissenschaft, Forschung und Kunst Baden-Württemberg zur Eröffnung der Großen Landesausstellung, die vom Land mit 1 Million Euro gefördert wird. Ausstellungen wie diese seien Teil des Ziels der Landesregierung, die kulturelle Bildung als politischen Schwerpunkt auszubauen. „Uns ist es wichtig, die Industrialisierung der Ernährung von allen Seiten zu beleuchten“, so Dr. Kai Budde, Oberkonservator und Projektleiter für die Sonderausstellung im TECHNOSEUM. „ Die Menschen auch in Deutschland entfremden sich immer mehr von dem, was sie essen. Viele wissen nicht, wie ein bestimmtes Nahrungsmittel produziert und verarbeitet wird – oder sie können es nicht wissen, weil die Lebensmittelherstellung so komplex und unübersichtlich geworden ist. Ihnen möchten wir mit unserer Ausstellung eine Orientierungshilfe geben.“ Die Schau beginnt für die Besucherinnen und Besucher in einer ihnen noch höchst vertrauten Umgebung: in einem Supermarkt. Hier stehen nicht nur Produkte, sondern auch harte Fakten in den Regalen, so kann man beispielsweise erfahren, warum gerade in Deutschland die Brotvielfalt so ausgeprägt ist, welche Firmen hinter welchen Marken stecken und wie viele Ressourcen verbraucht werden, um einen Erdbeerjoghurt herzustellen, zu verpacken und bis dorthin zu bringen, wo er verkauft und verzehrt wird.

Supermarkt, Speisesaal und Tante-Emma-Laden

Tante Emma Laden

Tante-Emma-Laden | Das TECHNOSEUM zeigt in seiner Ausstellung auch Teile eines Original Lebensmittelgeschäfts aus Freiburg aus dem Jahr 1930: Das Geschäft von Frieda Saier bestand fast 60 Jahre, musste sich schlussendlich aber der Konkurrenz durch einen benachbarten Supermarkt geschlagen geben. Foto: TECHNOSEUM

Im zweiten Teil der Schau, der einem Lager nachempfunden ist, geht der Besucher den historischen Hintergründen nach. Er lernt bekannte Größen in der Geschichte der Ernährungsindustrie wie etwa Justus von Liebig oder Carl Heinrich Theodor Knorr kennen und erfährt, warum vormalige Luxusprodukte wie Schokolade, Zucker oder Gewürze heute für jeden erschwinglich sind. Auch einen Original Tante-Emma-Laden aus Freiburg im Breisgau von 1930 hat das Ausstellungsteam um Dr. Budde fast komplett im TECHNOSEUM wieder aufgebaut, um den Besucher in vergangene Zeiten zurückzuversetzen – nostalgische Bonbongläser auf der Theke inklusive. Beispiele für die Nahrungsmittelherstellung in Baden-Württemberg werden hier präsentiert: Rothaus-Bier und Maggi- Würze, Ritter-Sport-Schokolade und Birkel-Nudeln, Caro-Kaffee und Thomy-Tuben. In einem Speisesaal können sich die Besucher informieren, welche Kost um die Jahrhundertwende, in der Nachkriegszeit und während des Wirtschaftswunders auf den Tisch kam. Hier lässt sich nachvollziehen, wie Menschen zu Zeiten des Mangels und des Überflusses in Deutschland lebten, und dass der gegenwärtige Wohlstand keinesfalls selbstverständlich ist. Und noch etwas lässt sich feststellen: „Unser Essverhalten hat sich nicht zuletzt deshalb geändert, weil sich unsere Gesellschaft gewandelt hat, etwa weil heute mehr Frauen berufstätig sind und deshalb der Bedarf an schnell zubereiteten Gerichten gewachsen ist.

Liebig

Die Liebig-Sammelbilder waren eine frühe Form der Werbung und wurden ab den 1870er Jahren den Produktpackungen von „Liebig‘s Fleisch-Extract“ beigefügt. Innerhalb von 100 Jahren sind etwa 1.900 Serien in 14 Sprachen ausgegeben worden. Erst um 1940 wurde die Herstellung der Bilder eingestellt. Foto: TECHNOSEUM

Damit passt die Sonderausstellung gut in unser Konzept, den technischen und sozialen Wandel seit dem 19. Jahrhundert zu zeigen und ein Forum für aktuelle und gesellschaftlich kontroverse Debatten zu sein“, so TECHNOSEUM-Direktor Prof. Dr. Lüdtke. Über 400 Objekte werden auf 900 Quadratmetern Ausstellungsfläche gezeigt. Integraler Bestandteil der Schau sind interaktive Stationen, an denen man sich zum Beispiel seine persönliche Mahlzeit zusammenstellen und dabei Kalorien und CO2-Verbrauch berechnen kann. Außerdem können kleine wie große Entdecker Gewürze bei einem Quiz erraten oder an einem von TECHNOscouts betreuten Labortisch den Zuckergehalt von Früchten oder den Stärkegehalt von Kartoffeln bestimmen. Im letzten Teil der Ausstellung geht es um die Zukunft der globalen Nahrungsressourcen. Wie ‚bio‘ können Produkte noch sein, wenn sie in jedem Discounter zu haben sind? Und wie lässt sich dem Hunger in anderen Teilen der Welt mit neuen Herstellungs- und Verteilungsverfahren begegnen? Auch diesen Fragen nimmt sich die Ausstellung im TECHNOSEUM an, die nicht zuletzt zeigt: Die vielerorts postulierte vermeintlich gute alte Zeit, in der glückliche, frei laufende Hühner noch dioxinfreie Eier legten, ist vor allem eine imaginierte Vergangenheit.

Globalisierte Ernährung

Kartoffeln und Pfeffer gelangten schon vor der industriellen Revolution auf die europäischen Speisepläne, sind teils ein Ergebnis europäischer Expansion, aber auch von interkontinentalen, historisch gewachsenen Handelsströmen. Doch auch soziale Entwicklungen wie etwa die Migration wirken sich auf den Speiseteller aus: Dönerimbisse, Pizzerien und China-Restaurants sind heute  fester Bestandteil des deutschen Stadtbildes, Spaghetti Bolognese und Pasta zählen – auch das erfährt man in der TECHNOSEUM-Schau – zu den beliebtesten Kantinenessen der Deutschen. „Ernährung hat auch einen starken interkulturellen Aspekt. Essend lernen wir ein Stück der fremden Kulturen kennen und schätzen – und nähern uns so einander an. Gerade eine Stadt wie Mannheim mit ihrem hohen Anteil von Menschen mit Migrationshintergrund ist für eine derartige Ausstellung genau der richtige Ort“, unterstreicht Oberbürgermeister Dr. Peter Kurz. Bei allen Kontroversen, für die die globalisierte Ernährung heutzutage sorgt, besitzt sie also auch ein enorm verbindendes Potenzial.

Gehaltvolles für Geist und Gaumen

Technoseum

Am interaktiven Tisch in der Ausstellung des TECHNOSEUM können die Besucherinnen und Besucher ihre Mahlzeit selbst zusammenstellen und dabei beispielsweise erfahren, wie viele Kalorien bestimmte Nahrungsmittel enthalten. Foto: TECHNOSEUM

Ein umfangreiches Rahmenprogramm mit Vorträgen unter anderem über Astronautennahrung, Stillleben, Schlankheitswahn und Gentechnik ergänzt die Sonderausstellung im TECHNOSEUM. Darüber hinaus lädt das Museum zu kulinarischen Lesungen auf sein Museumsschiff, veranstaltet schmackhafte Aktionen mit Spezialitäten aus aller Welt und den 2. Mannheimer Science Slam. Für junge Feinschmecker gibt es Workshops, bei denen man Laugenbrötchen backen und Knuspermüsli selbst herstellen kann, bei Vorführungen an der historischen Getreidemühle darf man vom frisch gemahlenen Mehl kosten. Und wer möchte, kann jeden Freitag um 14.00 Uhr an einer öffentlichen Führung teilnehmen, bei der lediglich der normale Eintrittspreis ins Museum zu entrichten ist. Oder er nimmt online an einem Ernährungs-Quiz teil und gewinnt seine ganz persönliche Führung durch die Ausstellung.

Zur Ausstellung erscheint ein 445-seitiger Katalog (ISBN-Nr. 978-3-9808571-6-1), er kostet 24,00 Euro und kann im Shop des TECHNOSEUM gekauft werden. Auch eine Bestellung unter Tel.   0621-4298-839  oder unter paedagogik(at)technoseum.de ist möglich.

 
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