Jörg Tauss und der Qualitätsjournalismus

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Donnerstag, 10. Juni 2010 - 12:27

Tauss-Gezwitscher

 

Der Tauss-Prozess ist vorbei, die Aufregung darüber hat sich gelegt, Revision gegen das Urteil ist eingelegt; vor dem Bundesgerichtshof soll neu verhandelt werden. Zeit jetzt auch für Jörg Tauss zur Besinnung und Reflektion des Erlebten.

Auf seinem Blog Tauss-gezwitscher.de befasst sich Jörg Tauss mit den Leistungen und Nichtleistungen der Journalisten in Zusammenhang mit seinem Prozess und der daraus resultierenden Presseberichterstattung.

Ich war selbst an jedem der fünf Prozesstagen im Gerichtssaal und habe miterlebt, wie am ersten Tag die Pressebank bis zum Bersten gefüllt war, wie leer die Pressebank sich an den drei darauf folgenden Verhandlungstagen zeigte und wie wieder voll besetzt am letzten Tag, dem Tag der Urteilsverkündung. Da ich sozusagen "Beteiligter" war, habe ich am jeweiligen nächsten Tag alle Presseveröffentlichungen zum Prozess gelesen derer ich habhaft werden konnte und fand zu meiner Überraschung und meinem Erstaunen teilweise Schilderungen des Prozessverlaufes, die mehr oder minder nicht dem entsprachen, was tatsächlich besprochen und an Argumenten ausgetauscht wurde.

Von Freunden und Bekannten wurde ich mehr als einmal darauf hingewiesen, dass das, was ich selbst erlebte und hörte, nicht richtig sein könne, weil ja in der Zeitung was ganz anderes stand (ich hab' aber gelesen, dass ...).

Ein schönes Beispiel für diese schiefe Berichterstattung ist im "WOCHENBLATT Bruchsal & Region" nachzulesen. Der Autor des Artikels "Bewährungsstrafe für den ehemaligen Abgeordneten" lässt sich darüber aus, ob das Urteil eventuell noch "weitreichendere Konsequenzen" auf die Altersbezüge von Herrn Tauss aufgrund eines "solchen Verbrechens" haben könnte. Wäre der Autor vor Ort gewesen, hätte er hören können, dass der Richter in seiner Urteilsbegründung genau hierzu Stellung nahm und unterstrich, dass dieses Urteil nicht dazu führt, dass für Herrn Tauss die Altersbezüge gestrichen werden. Und wenn der Autor des Artikels sich richtig informiert hätte, hätte er hören können, dass es sich bei den Taten, für die Herr Tauss verurteilt wurde, eben gerade nicht um ein Verbrechen handelt.

Für mich habe ich aus den Erlebten den Schluss gezogen, zunächst NICHTS von dem zu glauben, was mir in einem Presseerzeugnis als "Wahrheit" unter dem Deckmantel einer vermeintlich neutralen Berichterstattung angeboten wird. Gelernt habe ich auch, dass es den vielbeschworenen "Qualitätsjournalismus" wohl nicht gibt. Teilweise zu schlecht oder gar falsch war die Berichterstattung einiger Publikationen, die sich dieses Attribut doch zu gerne auf ihre Fahnen schreiben.

 

Hier das tauss-gezwitscher:

 

Von Ruhrbaronen und anderen Journalisten

Jörg Tauss 10. Juni 2010

Ja. Ich habe Fehler gemacht. Ja. Ich bin (wenn auch nicht rechtskräftig) verurteilt. Ja. Ich habe kinder- und jugendpornografisches Material als Eintrittskarte in die "Szene" besessen. Ja. Das Gericht hat ein "persönliches" Interesse unterstellt und kein dienstliches und Ja: Für den Nachweis eines sexuellen Interesses war ich zu "atypisch" was Menge, die Bilder selbst und mein Verhalten anlangt. Das sind zunächst einmal die Fakten, über die eine unabhängige Presse berichten kann, darf umd muss.

Ja. Ich bin auch offensichtlich eine Person des öfffentlichen Interesses und deshalb schlagen die Wogen wohl höher, als bei nicht vergleichbaren Fällen in anderen Parteien oder Institutionen. Deshalb landet mein Fall auch im großen Schwurgerichtsfall vor dem Landgericht und nicht vor einem Amtsrichter.

Der "Fall Tauss" ist interessant, weil ich gerne austeile und ich mich als Abgeordneter nachweislich über viele Jahre auch mit dem Thema Pornografie mit Kindern in Medien beschäftigte. Und zwar dienstlich. Auch dies unterscheidet meinen Fall von anderen Fällen. Man darf deshalb auch trefflich darüber streiten, was durch die Tätigkeit eines Abgeordneten noch gedeckt ist und was nicht. Darüber muss im Zweifel jetzt sogar der BGH entscheiden.

Alle diese Punkte geben eigentlich genügend Stoff für Presseberichterstattungen ab. Sollte man meinen. Doch offensichtlich gehen gewissse Journalistinnen und Journalisten davon aus, dass man feststehende Punkte mit reisserischen Darstellungen immer noch ein bisschen anreichern muss.

Da ist einmal Frau Allgöwer von der Stuttgarter Zeitung, die mich in ihrer Funktion als Vorsitzende der Landespressekonferenz seit Jahren eigentlich gut kennt. Die Dame ist so politisch, dass sie schon mal den Landespresseball am Jahrestag der Reichspogromnacht feierte, was selbst dem damaligen, in 3. Reich-Fragen nicht ganz so sensiblen, Ministerpräsidenten Oettinger zu viel wurde.

Diese Frau Allgöwer bestritt früh, dass ich jemals als Abgeordneter mit dem Thema zu tun gehabt hätte. Sie behauptete es einfach. Sie erkundigte sich nicht bei Journalisten, die mit mir zu diesem Thema schon Interviews gemacht hatten, sie recherchierte nicht, sie fragte mich nicht. Es war ihr auch gleichgültig. Es ging ihr allein um die Beschädigung meiner Reputation über den reinen - und natürlich schlimmen - Tatvorwurf hinaus.

Damit stand sie wenigstens nicht allein. Die Landespresse folgte ihrer Vorsitzenden bereitwillig. Besonders fiel dabei noch der Südkurier auf, die Schwäbische Zeitung und natürlich mein regionales "Hausblatt", die Badischen Neuesten Nachrichten (BNN).

Letztere wusste kürzlich sogar vom Verlust meiner Ruhegehaltsanprüche zu berichten, was dann schon den Metzger im Dorf zu sorgenvoller Nachfrage bei meiner Frau veranlasste. Man schreibt halt mal. Eben so. Ohne Kenntnis. Ohne Recherche.

Die Phanstasie bei den Qualitätsjournalisten blühte auch ansonsten. FOCUS schrieb im letzten Jahr so kurz wie falsch, dass ich mir für über 1.000 Euro kinderpornografisches Material beschafft hätte. Dies verwechselte Phoenix dann mit über 1.000 kinderpornografischen Bildern auf meinem Rechner. Kann ja mal vorkommen. Jede dieser Meldungen wurde aber durch andere begierig aufgegriffen, aufgebauscht und weiter angereichert. Dieser Tauss musste doch einfach lügen.

So entstand die Story, ich hätte behauptet, das einschlägige Handy in einem Mietwagen gefunden zu haben. Es ist schon fast beleidigend, dass mir eine derart dämliche Ausrede gegenüber den Ermittlungsbehörden unterstellt wird. Aber es liest sich gut, passt zum Thema und so wurde auch diese Story von Spiegel, ZEIT, N 24 und Frankfurter Rundschau bis zum Einschreiten meines Anwalts weiter verbreitet. Einfach so. Man kann sich ja mal irren.

Überhaupt überschlug sich Spiegel online im Fall Tauss besonders. Das ist ein durchaus verständliches Revanchefaul, denn ich konnte den Herrschaften mehrfach miesen Journalismus bescheinigen. Dies ging soweit, dass dort sogar ein Artikel zum Fall Tauss erschien, von dem selbst die namentlich angegebene Autorin gar nichts wusste.

Da sich die Staatsanwaltschaft in meinem Falle besonders gerne im sexuellen Bereich über den Tatvorwurf hinaus suhlte, gab es auch hier Stoff für weitere Berichterstattungen. Das Hamburger Abendblatt verband meine Person namentlich mit der Berichterstattung über die Schweinegrippe. Ab wann wird der Mensch zum Schwein, das man auch abstechen darf? Dass selbst das Gericht diesen Auswüchsen eine Absage erteilte, war allerdings zumindest den meisten Printmedien keine Meldung wert.

Um so mehr beflügelte das Thema die Phantasie der "Ruhrbarone". Bei diesen Ruhrbaronen handelt es sich nach eigenen Angaben um Journalisten, die einen Blog betreiben. Deren Phantasie und reaktionelle Verantwortung endete weder bei meinen vermeintlich aus den Internet heruntergeladenen unterstellten "Wichsvorlagen" (dabei ging es ausdrücklich nicht um das Internet) noch bei der eigenen Kommentarspalte, wenn vom "Kinderficker" Tauss die Rede war. Gibt es keine redaktionelle Verantwortung für Kommentarspalten?

Wenige waren der Auffassung, ich müsse mir dies alles im Interesse der freien Meinungsäußerung gefallen lasen. Nein. Muss ich nicht. Meinungsfreiheit und Pressefreiheit sind ein zu hohes Gut, als dass damit in dieser Form umgegangen werden darf. Meinungsfreiheit endet, wo sie zur Verleumdung wird.

Egal wie der Fall Tauss ausgeht: Ein Ruhmesblatt für unsere Medien ist er nicht. Und ich freue mich sehr, dass dies nicht nur von mir als Betroffenem so gesehen wird.

Einige empfehlen mir dessen ungeachtet, doch einfach von der Bildfläche zu verschwinden und "neu" anzufangen. Diesem Wunsch komme ich nicht nach. Dazu ist das alles viel zu spannend. Und: Via twitter & Co kann man sich heute gegen Journalisten von Allgöwer bis ZEIT wehren. Haben die deshalb so viel Schaum vorm Mund?

Eigene Bewertung: Keine Durchschnitt: 4.6 (50 Bewertungen)

Kommentare

Ab ins Tal der Ahnungslosen?

Nun ja, ein Werbeblättchen wie das "WOCHENBLATT" kann zumindestens ich nicht als ernsthafte, journalitisch seriöse Quelle betrachten.

Aber Sie haben natürlich schon recht. "Qualitätsjournalismus" findet man nur noch selten. Zum einen, weil es dafür des entsprechenden Personals bedarf und zum weiteren hat dies auch Kostengründe.

So hat ein Blatt wie z.B. die "Brettener Woche" oder auch das "Wochenblatt" nicht die Kapazität und wohl auch Geld, an jedem Verhandlungstag einen freien Mitarbeiter oder gar einen echten Redakteur ins Gericht zu schicken.

Traurig ist aber auch, daß die "grosse" Presse dies offensichtlich auch nicht kann oder will. Information, so es denn auch möglichst genaue sein soll, hat eben Ihren Preis.

Auf der anderen Seite sind z.B. gerade in Deutschland viele Internetnutzer der Meinung, Information solle prinzipiell kostenlos sein (und die betreffende Webseite soll gefälligst auch auf Werbung verzichten). Unter solchen Vorzeichen ist guter Journalismus auch nicht machbar.

Über allem schwebt wie ein Damoklesschwert der Umstand, daß man sich prinzipiell fragen muss, was und wem man noch glauben kann.

Artikel werden zum Teil schlecht recheriert, Fernsehbeiträge geschönt, Bilder manipuliert. Was Schwarz auf Weiss geschrieben steht, kann man schon lange nicht mehr glauben. Sei dies nun auf Papier oder virtuell im Netz.

Nur müsste man sich dann folgerichtig aus der "Informationsgesellschaft" zurückziehen und Nachrichten aller Art einfach Nachrichten sein lassen, um so glücklich im Tal der Ahnungslosen zu leben.

Oder man macht es so wie Millionen hierzulande, die sich täglich "ihre Meinung BILDen" und sich dann auch noch hervorragend und vor allem richtig informiert fühlen.

Deutscher Qualitätsjournalismus

Ich stimme mit Ihnen bezüglich der verBILDung der deutschen Zeitungslandschaft leider zu.

Weiterer interessanter Bericht unter:
http://www.heise.de/tp/r4/artikel/32/32780/1.html

Ich denke, dass viele Chefredakteure bzw. CvD überfordert sind

Die können gar nicht mehr kontrollieren, wer was schreibt und veröffentlicht.
So wurde ja in einem Kommentar der FR am Tag der Urteilsverkündung weiter behauptet, dass es anders war, als es die Tatsachen beschreiben.

http://www.fr-online.de/in_und_ausland/politik/meinung/?em_cnt=2695159&
Zitat: "Jetzt gilt auch die Ausrede fortgeschrittener Dummheit nicht mehr, mit der Tauss noch vor Gericht den Besitz von 260 Fotos und 50 Videodateien zu erklären suchte, gespeichert auf dem Handy, im Koffer unterm Bett versteckt. "
Dabei war es doch gar nicht im Koffer unterm Bett, oder?

"Tauss wurde zu Recht aus seiner Laufbahn katapultiert, weil er seinen Abgeordnetenstatus missbrauchte für widerwärtige und kriminelle Geschäfte."
Das kann man so mit guten Willen stehen lassen,obwohl der Satz etwas impliziert, dass offiziell nie geschehen ist.

Ein Kommentar hat immer eine andere Bedeutung als ein Bericht. Aber, hier stimmt es wieder mit dem Qualitätsjournalismus. Da werden im Kommentar Dinge geschrieben, die so vielleicht im Kopf sitzen, aber nicht Fakt sind.

Ich hab aber gelesen, dass...

"Von Freunden und Bekannten wurde ich mehr als einmal darauf hingewiesen, dass das, was ich selbst erlebte und hörte, nicht richtig sein könne, weil ja in der Zeitung was ganz anderes stand (ich hab' aber gelesen, dass ...)."

Das geht nicht nur dir so, und nicht nur beim Thema Berichterstattung von Gerichtsverhandlungen.

Die Leute trauen eher etwas aus dritter Hand, als jemandem zu glauben, der wirklich dabei war - beziehungsweise ihren eigenen Augen und Ohren.

Es ist ein Elend! Ich halte nichts mehr von Massenmedien, bzw. Medien, die zu Konzernen gehören.

Es wird immer damit argumentiert, dass das Internet eine Konkurrenz darstellt und die Auflagen deshalb sinken, aber woran es liegt, das will keiner zugeben: die deutschen Medien sind (mal wieder...) ziemlich gleichgeschaltet und bieten nicht genug Informationen, um sich zu einer Sache eine unvoreingenommene Meinung zu bilden. Das merkt der Leser, und wenn es unterbewusst ist. Daher wandert er zu anderen Quellen ab - zum Beispiel bruchsal.org.

Und wenn man dann sieht/liest, wie ZEIT und Co. über die ach-so-schlechten Internetjournalisten herziehen, dann wird einem doch klar, dass hier der Neid und sonst gar nichts spricht.

Die Unabhängigen haben eben Zeit und wirkliches Interesse daran, sich jeden Tag in einen Prozess zu setzen und richtig darüber zu berichten, der "Qualitätsjournalist" muss blind Befehle befolgen und kann so gut wie nichts selbst entscheiden in seinem Beruf.

Ich bin sehr sehr froh über diesen Arikel, Rolf! Danke, dass du sagst wie es ist: die Berichterstattung dieser Blätter lässt extrem zu wünschen übrig und entspricht nicht der Wahrheit!

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