Im caricatura museum frankfurt: Jean Marc Reiser - VIVE REISER!
Mit Jean-Marc Reiser (1941 - 1983) ehrt das caricatura und die Stadt Frankfurt einen der bedeutendsten komischen Zeichner Europas, eine „Jahrhundertfigur", wie die FAZ schrieb. Wie kein zweiter hat der französische Satiriker und Künstler tief in das Wesen der Menschen geschaut und uns seine Einblicke in der versöhnlichen Tonart des Humors vermittelt. Sein zeichnerisches und erzählerisches Genie schlug sich in Tausenden von Karikaturen, Cartoons und Bildgeschichten (Strips) nieder, in zart-poetischen Blättern sowohl wie in schockierender Drastik, die indessen nie den Bezirk des Humanen verließ. Reiser hat, obschon früh aus dem Leben gerissen, ein immenses Werk hinterlassen, das nun, zur siebzigsten Wiederkehr seines Geburtstages (13. April 2011), in einem notwendig bescheidenen, aber doch die Breite seines Schaffens dokumentierenden Ausschnitt gewürdigt wird.
VIVE REISER! präsentiert rund 240 zum Teil unveröffentlichte Original-Zeichnungen des Künstlers und ist damit die erste repräsentative und mit Abstand größte Ausstellung seines Werkes. Reisers Arbeiten widmen sich den großen sozialkritischen Themen (Arbeit, Erziehung, Umwelt, Kriminalität u.a.m.), dem AntiMilitarismus und Anti-Imperialismus, der Emanzipation der Frau, den zwischenmenschlichen Beziehungen sowie der Sexualität und vermitteln philosophisch-humorvolle Einblicke in das wahre Wesen und die liebenswerten Abgründe des Menschen. Mit einer Reihe unveröffentlichter Skizzen und Vorarbeiten wird seine Schaffensweise dokumentiert.
„Ridentem dicere verum" - die Sentenz des Satirikers Horaz, kennzeichnet Reisers intellektuelle und moralische Grundhaltung und darf auch als das Motto der Ausstellung angesehen werden: Die Wahrheit, selbst die peinlichste, verstörendste, stets mit einem Lächeln auszusprechen bzw. zu zeichnen.
Jean-Marc Reiser, dem es gelang, noch mit den widerlichsten Figuren, den ungeheuerlichsten Geschichten und den unfassbarsten Pointen Lachen zu erregen, überrascht auch mit seiner Persönlichkeit. Der Unterschied zwischen dem Zeichner und dem Gezeichneten ist in seinem Fall größer kaum denkbar: Reiser, ein sympathischer, liebenswürdiger Mensch, ein schöner, attraktiver Mann, ein liebender Gatte und guter Vater. Die kontrastive Dokumentation seiner Persönlichkeit mit Fotografien, Filmen und persönlichen Briefen ist ein wichtiger Bestandteil der Ausstellung.
Ein weiteres, die Ausstellung abrundendes Thema ist die Wirkungsund Rezeptionsgeschichte von Reisers Werk in Deutschland beziehungsweise im deutschen Sprachraum. Es hat zum einen Millionen Leser und Betrachter begeistert, zum andern aber auch Widerspruch provoziert und die Zensur auf den Plan gerufen. Dies sowohl in Gestalt verlegerischer Selbstzensur als auch behördlicher Indizierungs- und Verbotsanträge; letztere aus Gründen des Jugendschutzes sowie des Verbots der Verbreitung pornographischen Schrifttums. Die angerufenen deutschen Gerichte lehnten die Verbotsanträge allerdings ausnahmslos ab, und gegen den Vorwurf der Pornografie sowie der Frauenfeindlichkeit fand Reiser in Alice Schwarzer, der prominenten Wortführerin der deutschen Frauenbewegung, eine entschiedene Verteidigerin. Die von Reisers Werk in den achtziger Jahren des vergangenen Jahrhunderts ausgelöste öffentliche Debatte errang für die Kunst und Meinungsfreiheit in Deutschland einen nachhaltigen Sieg.
Der Künstler - Jean-Marc Reiser

Der französische Künstler Jean-Marc Reiser im Sommer 1983 bei seiner Lieblingstätigkeit: Zeichnen. - © Foto: D.R.
Jean-Marc Reiser wurde am 13. April 1941 in Réhon, Lothringen, geboren. Er wuchs vaterlos und überwiegend bei Pflegeeltern auf, ein Schulabschluss blieb ihm verwehrt. Mit fünfzehn arbeitet er als Laufbursche und Gehilfe, mit achtzehn veröffentlicht er erste Zeichnungen. Vier Jahre später gelingt dem Autodidakten der Durchbruch: Er wird Stammzeichner in „Hara-Kiri" und „Charlie Hebdo", den Satiremagazinen seines Mentors und Freund Francois Cavanna.
In den 1970er Jahren erscheinen seine ersten Sammelbände, Reiser wird in vielen Blättern gedruckt. Er kreiert seine bekanntesten Figuren, „Schweinepriester" und „Jeanine", anfangs der 80er erreichen seine Bücher Millionenauflagen. Reiser ist in Frankreich ein Star, die seriöse Presse („Nouvel Observateur" und „Le Monde"), öffnet sich ihm. Seine ironischen Reflexe auf die Pornowelle („Fantasien") machen ihn legendär. Der Folgeband „Sexdoping" erscheint posthum, nach seinem Krebstod, der ihn am 5. November 1983 ereilt.
Ende der 1980iger Jahre wird Jean-Marc Reiser in Deutschland bekannt. Das Satiremagazin „Titanic" druckt ihn, seine Bücher (erst im Semmel Verlach, dann im Achterbahn Verlag erschienen) erleben hohe Auflagen. Versuche, sie als jugendgefährdend oder pornographisch zu zensieren, scheitern. Reisers Genie verschaffte der Kunst- und Meinungsfreiheit neue Räume.
Und für unsere frankophilen Leser hier in Kürze Infos zur Ausstellung in französischer Sprache:
Exposition « Vive Reiser ! » à l'occasion du 70ème anniversaire de la naissance de Jean-Marc Reiser Francfort-sur-le-Main, en janvier 2011.
Le Musée d'Arts Satiriques de Francfort « caricatura » présente en exclusivité mondiale la première exposition représentative de l'œuvre du caricaturiste mythique Jean-Marc Reiser (1941-1983).
Jamais il n'aura été donné à voir une collection aussi riche de dessins de cet artiste : quelque 240 planches originales, pour certaines inédites - à découvrir du 10 février au 26 juin 2011 dans le cadre de l'exposition, intitulée « VIVE REISER ! ».
Elle est organisée à l'occasion du 70ème anniversaire de la naissance de Jean-Marc Reiser le 13 avril 2011. Le panégyrique de l'artiste qui, suspecté de pornographie, fut pris dans la ligne de mire de la justice allemande, sera prononcé par la féministe allemande Alice Schwarzer. Inauguration de l'exposition le 9 février 2011.
Ausstellungsdauer
Donnerstag, 10. Februar 2011 - Sonntag, 26. Juni 2011
Öffnungszeiten
Di-So 10-18 Uhr, Mi 10-21 Uhr, Mo geschlossen
Eintritt
5,- € / 2,50 € ermäßigt
caricatura museum frankfurt
Museum für Komische Kunst
Weckmarkt 17
D-60311 Frankfurt am Main
Tel +49 (0) 69 212 301 61
E-Mail: caricatura [dot] museum [at] stadt-frankfurt [dot] de
Web: http://www.caricatura-museum.de
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Kommentare
Toller Artikel - tolle Ausstellung
Toller Artikel. Die Ausstellung in Frankfurt ist wirklich sehr sehenswert. Reiser ist mit seiner Art zu zeichnen und Geschichten zu erzählen einfach einmalig. Mal nachdenklich oder gar verstörend, mal einfach zum brüllen komisch, aber nie beliebig oder langweilig. Das Caricatura Museum in Frankfurt ist mehr als geeignet für diese Art der Kunst. Also alle Daumen nach oben von mir für die Ausstellung und das Museum. Ebenfalls eine persönliche Empfehlung hab ich noch hier gefunden: http://www.unser-frankfurt.de/frankfurt-blog/caricatura-museum-frankfurt
Grüße
Lesy