Hygiene forever (die zweite) ?
Sie haben sich noch nicht am ersten Hygiene-Artikel verschluckt? Dann will ich mal das möglicherweise Versäumte an Informationen nachholen.
Hygiene ist, den Verdacht dürfte der Leser bereits haben, mindestens so wichtig wie Brandschutz (gerne auch: Klimaschutz).
Betreuen Sie Kleinkinder, eine gesellschaftlich höchst anerkannte Beschäftigung, sollten Sie nicht den Versuch machen frisch zu kochen. Da traut ihnen der Hygieneschutz-Beauftragte selbstverständlich nicht über den Weg. Um jederzeit erkennen zu können, warum schlecht betreute Kleinkinder das Zeitliche gesegnet haben, um das Problem am Extremfall zu beleuchten, ist das für Kontrolleure kein Problem. Denn Essenproben sind ständig – gefroren selbstverständlich – vorzuhalten. Dann dürfte die Feststellung der Todesursache keine Schwierigkeiten bereiten. Vor allem kann der Hygiene-Beauftragte selbst besser schlafen.
Verkaufen Sie Kuchen bei einem Straßenfest oder bereiten Sie dort eine Bratwurst zu, dann machen auch Sie, wenn nicht Elternteil eines Kleinkindes, mit dem Hygieneschutz Bekanntschaft. Verkaufen Sie – beispielsweise – einen Zwiebelkuchen, dann sind Sie gut beraten nicht spontan zu backen, sondern genau nach Plan vorzugehen. Nur so erzeugen Sie eine hygienisch einwandfreie, jederzeit vorzeigbare Zutatenliste für den Hygiene-Kontrolleur.
Leider gibt es zunehmend unwillige Hausfrauen, die zwar gerne backen, aber die Rezept-Geheimnisse nicht jedem auf die Nase binden wollen (wie machst Du das nur, dass der Kuchen so gut schmeckt?). Die backen einfach gar nicht mehr.
Da Straßenfeste – vorläufig zumindest – weiter stattfinden, empfiehlt sich der Einkaufsweg des Veranstalters zum Kettenbäcker, oder besser noch, die Veräußerung abgepackter Industrieware mit aufgedrucktem Haltbarkeitsdatum als quasi mit eingebautem Hygienenachweis. Da nimmt zwar der Geschmack ab und damit auch der Umsatz des Straßenfestveranstalters. Dafür steigen die Umsätze an Industrieware. Und das ist gut so. Nur so wächst unsere Wirtschaft.
Übrigens: In Untergrombach ist eine neue Schule entstanden, die die Bürgerschaft erfreut. Viel Gezänk erforderte der Bau der Aula nebst schmucker Küche. Der aufmerksame Leser ahnt es bereits: Hygiene forever!
Der naive Ortschaftsrat dachte beim Bau an Vereine und damit auch an eine Vereinsküche. Nun ja, da ist Hygiene vor. Caterer dürfen gerne in die Küche (mit Convenience-Food?), Vereinsköche köcheln dafür zu Hause, denn in die Küche dürfen sie nicht. Der Absatz der derart erzeugten Ware ist allerdings – siehe oben – nicht gesichert. Spontan erzeugte Gerichte scheitern ja am Erfordernis einer einwandfreien Zutatenliste.
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Kommentare
So heiß wird nichts gegessen..
..obwohl es schon Leute gegeben haben soll, die erfolgreich eine Fastfoodkette wegen heißen Kaffees verklagt haben.
Wenn ich Genehmigungen für unsere Glühwein-Stände einhole (Achtung: der nächste ist am 11.11. vor dem Rathaus zugunsten von St.Raphael oder der AWO), muss ich auch Vorgaben einhalten, die aber nicht überzogen sind und die einem schon der gesunde Menschenverstand rät.
Ich wundere mich über die unverpackten und teilweise ekelhaften Käse-, Wurst- und Gebäckproben, die auf den Theken stehen. Jeder kann mit seinen Fingern dran herumgrabschen. Sowas soll zulässig sein?
Auf der anderen Seite wurde mein Vater, der seine Metzgerei von seinem Vater übernommen hatte und die insgesamt über 40 Jahre ohne jedes Vorkommnis in "Familienbesitz" war, dazu verdonnert, seine Kühlräume mit einer Fliesenreihe zusätzlich zu versehen. Damals schienen sich die WKDler nur eine Daseins-Berechtigung verschaffen zu wollen oder sie hatten Spaß an der Schikane.
Immer diese Ortschaftsräte...
... und dann - natürlich - noch der aus Unnagrowach.
Als wenn der's nicht schwer genug hätte.
Aber dieses Mal, Herr Schmitt, ist dieser Ortschaftsrat nicht an der Küchenmisere schuld.
Geplant hat das Ding ein Architekt und genehmigt ein eigentlich nicht ganz sachunkundiger Bauherr, nämlich "die Stadt" - vertreten durch deren Baurechtsbehörde.
Und die hat ja wohl hoffentlich vor der Absegnung die Pläne den entsprechenden Stellen zur Begutachtung übersandt - oder doch nicht...?
Verständnishilfe
Mein Gott, nichts gegen den Ortschaftsrat - wieso denn auch. Aber alles gegen überzogene Vorschriften. Nur darum geht es.
Alles wird immer dichter geregelt - es gibt keine individuelle´Verantwortung mehr.
Es dominiert der ISO 2000-zertifizierte Kontrolleur - auf allen Gebieten, bis nichts mehr funktioniert, weil Regelungen alles zu ersticken beginnen. Das kostet am Ende alle Freiheitsgrade, weil Kontrollen der modernen Art nicht der Vernunft sondern zunehmnd dem ausgefüllten Formular folgen. Und alle diese neuen Vorschriften - auf allen Gebieten - sind gute Absichten unterlegt mit leider bösen Folgen. Es gibt keinen Spielraum und keine Eigenverantwortung mehr. Weil Eigenverantwortung auf kein Formular paßt.
Küchen dürfen nicht mehr betreten, Kuchen können nicht mehr gebacken werden - alles was das Individuum macht bedeutet Gefahr. Hygiene ist nur ein Beispiel - die Befolgung von Vorschriften, die Spezialisten ersinnen, wird gesellschaftlichen Grundlage. Dürfen wir uns das gefallen lassen?
Überzieher oder Kneifer?
Gut gebrüllt, Löwe Schmitt - ich bin damit ganz einverstanden - wenn und so lange und so weit die danach rufenden Politiker sich bereit erklären, dann auch die Verantwortung für die Folgen zu übernehmen. Angefangen von der Lebensmittelvergiftung über die fehlenden Brandmelder bis hin zu den - wie war das doch, Herr Schmitt? - Krankenhauskeimen, die viel gefährlicher sind als EHEC.
Sie erinnern sich doch, hoffentlich?
Und so warte ich auf Ihren Auftritt vor dem Landgericht Karlsruhe, mit dem Sie die dortigen Richter davon zu überzeugen versuchen, dass die Angeklagten keine Schuld am Feuertod der Büchenauer Altenheimbewohner tragen - weil sie ja mutig der personellen und moralischen Haltung der Stadtverwaltung Bruchsal und des dortigen Gemeinderates Rechnung tragend sich NICHT darum kümmerten, ob die vom Sachverständigen und ihnen für wichtig und richtig gehaltenen Brandmelder im Altenheim eingebaut wurden oder nicht.
Oder nicht?
Versäumnisse?
1. Brandschutz ist erforderlich und Brandmelder in Altenheimen sind das Mindeste.
2. Der Brandschutz ist trotzdem völlig überzogen und auch nur zu Lasten anderer Aufgaben finanzierbar, die, spricht man über "Brandschutz", nicht wahrnimmt. Dafür werden wir Stadträte geprügelt, wenn wir zu viele Schulden machen.
3. Die Verantwortung des Einzelnen gibt es neben der Verantwortung der Gesellschaft auch noch. Allerdings wird diese zügig abgeschafft. Wenn ich, um ein harmloses Beispiel zu nennen, an einer nächtlichen roten Fußgängerampel stehe, stehe ich halt. Dass es kilometerweit kein Auto gibt, ist rechtlich irrelevant.
4. Die Kontrollen verselbständigen sich zügig. Nur das ausgefüllte Formular ist maßgebend. In Altenheimen - zum Beispiel - schrumpft die Pflege-Zeit zu Gunsten der Zertifizierungs- und Dokomentationszeit. Täglich muß eine Pflegerin hierfür mindestens eine Stunde aufbringen, die bei der Betreuung der Alten fehlt.
5. Es muss auch wieder möglich werden, dass individuelle Fehler straffrei bleiben - denn sonst übernimmt niemand mehr eine gleichwie geartete Verantwortung. Man kann beobachten, dass politische Leit-Tiere massenhaft die Bühne verlassen(zuletzt in der CSU) und lieber ihr Geld in der Wirtschaft verdienen. Es fragt sich jeder, auch jeder Stadtrat, ob er sich das noch antun soll, da es für diese Tätigkeiten so gut wie keine Anerkennung mehr gibt, sondern nur Kritik und die Suche nach Fehlern. Am Ende werden Profilneurotiker und Narzissten die (politische) Bühne besetzen, die halten zuverlässig am längsten aus (Standardbeispiel Guttenberg).
6. Gerichtsauftritt? Wenn es ginge, würde ich für Mängel in den Sporthallen sofort die Verantwortung übernehmen, damit nicht alle Sportveranstaltungen demnächst den Bach runter gehen.Geht aber nicht, sodaß Sie, lieber "Gast" gerne den Vereinsengagierten erklären dürfen, dass es zu gefährlich ist, in Sporthallen Veranstaltungen zuzulassen.
7. Zur Vorfreude: Brandschauen in anderen Sporthallen stehen noch aus. Was heute dort - mangels Brandschau - noch erlaubt ist, ist morgen???
Gut gebrüllt...
Gegen diese "normalen" Sicherheitsauflagen hat Herr Schmitt ja nichts einzuwenden. Es geht diesem doch offensichtlich, was er ja auch expressis verbis dargelegt (und nun auch, währen ich diesen Kommentar schrieb, nochmals erläutert hat), um "überzogene" Vorschriften, die, oft gegen jede Vernunft, Jahrhunderte alte, bewährte und sichere Praxis zum Erliegen bringen. Das dürfen wir uns tatsächlich nicht gefallen lassen. Sonst kommt es noch so weit, ich will es mal zugespitzt übertreiben, daß der eheliche Beischlaf wegen Zusammenbruchgefahr nur in Betten der Sicherheitsstufe III (geeignet für Nilpferde, Rhinozerusse und Elefanten) durchgeführt werden darf. Kontrolleure überprüfen dann vor Ort, ob die entsprechenden, gesetzlich vorgeschriebenen Nachrüstungen in Form von Stahlrahmenverstärkungen angebracht sind oder zertifizierte Neubetten, die den Zulassungsbestimmungen entsprechen, angeschafft wurden. Solange wird jede entsprechende Tätigkeit untersagt :-(
Ich traue der EU-Bürokratie alles zu!
Betten der Sicherheitsstufe III
ich schmeiß mich jetzt weg. Mit Sicherheitshelm, Schutzbrille, Schwimmweste, Gasmaske- Sichershand- und Sicherheitschuhen, auf eine zertifizierte 30cm hohe Schaummatratze. Natürlich nur an einer Sicherungsleine und selbstverständlich alles mit CE-Kennzeichnung.
Weiter brüllen
Und wer, Herr Z., entscheidet darüber, ob diese oder jene Sicherheitsauflage "normal" ist oder nicht normal = überzogen? Herr Schmitt oder der Staatsanwalt?
Sicherheitsauflagen
Man kann alles übertreiben, auch Sicherheitsauflagen. Als prominentes Beispiel fällt mir die US-amerikanische Produkthaftung ein. Diese brachte in den USA ganze Industriezweige zum Erliegen, ich denke da nur an den Flugzeugbauer Cessna, wohl jedem bekannt. Dieser baute jahrzehntelang zehntausende Kleinflugzeuge, bis die Produkthaftung so riskant wurde, daß Cessna (und die anderen Kleinflugzeughersteller) über 10 Jahre lang die Produktion völlig einstellten. Die Firmen waren nicht mehr länger gewillt (und finanziell in der Lage), für die Unfähigkeit mancher Piloten büßen zu müssen, denn fast jeder Pilotenfehler ging zu Lasten der Hersteller, ähnlich wie eine Kaffeehauskette zu Schadenersatzzahlungen verurteilt wurde, weil sich ein Kaffeetrinker heißen Kaffee über die Hose schüttete. Die Firma hatte es versäumt (Sicherheitsauflage!) darauf hinzuweisen, daß das Verschütten heißen Kaffees zu Verbrühungen führen kann! Irgendwann hat man in den USA erkannt, daß das Leben immer ein Restrisiko birgt und die unsinnigsten Sicherheitsauflagen aufgehoben. Seitdem baut Cessna wieder Schulflugzeuge. Und was den Brandschutz angeht: Man kann diesen soweit übertreiben, daß die Nichtbefolgung selbstverständlich den Staatsanwalt auf den Plan ruft. Aber wollen und brauchen wir unsinnige Übertreibungen, die die einmillionste Wahrscheinlichkeit abdecken,wenn dadurch alles andere zum Erliegen kommt? Und: Wer deckt das dann rein rechnerisch immer noch vorhandene Restrisiko ab? Wer so denkt, soll sich doch gleich erschießen, dann kann ihm nichts mehr passieren.
Alles richtig gemacht, aber Fuß kaputt
Heute hat mir eine Bekannte die folgende Geschichte erzählt. Ihr Vater ist bettlägerig und im Pflegeheim. Er schläft derzeit schlecht. Kopfmäßig ist er aber noch voll da.
Meine Bekannte sprach mit ihrem Vater und bat daraufhin den Pfleger, weil ihr Vater befürchte wegen seines unruhigen Schlafes aus dem Bett zu fallen, die Bettgitter hoch zu machen. Der Pfleger verweigerte dies. Daraufhin bat der Vater selbst den Pfleger, doch die Bettgitter hoch zu machen, damit er nicht raus falle. Der Pfleger blieb standhaft und verneinte.
Am nächsten Morgen wurde der Vater meiner Bekannten neben dem Bett liegend gefunden - mit gebrochenem Fuß.
Der Pfleger hat jedoch richtig gehandelt: http://www.pflegewiki.de/wiki/Fixierung
Nicht alles über einen Kamm scheren
Ich würde die Amerikaner mit ihrer Art, Recht zu finden, nicht als Beispiel heranziehen wollen.
Das Dokumentationssystem der Familie ISO 9000 ist in Europa etabliert. Das System verbessert selbst nichts. Es beschreibt nur, was zu tun ist. Was zu tun ist, das muss zuvor von den Praktikern festgelegt werden (nicht von arbeitsfernen Bürokraten). Und es ermöglicht, systematische Fehler zu finden.
Nehmen wir doch die Hygienevorschriften. Verhinderung von Keimausbreitung z.B. in Krankenhäusern. Verbreitung von Lebensmitteln mit EHEC-Erregern. Sicherstellung von Kühlketten. Wollen wir das nicht? Will nun jeder persönlich entscheiden, wie er es halten will? Warten wir auf die nächste große Salmonellenvergiftung?
Ich möchte auch nicht an eimen Volksfest verdreckte Krüge, Teller, Besteck. Unsachgemäß gelagertes Fleisch, Majonaise, Kartoffelsalat bekommen.
Negativbeispiele gibt es genügend.
Aber Filou,
wer wollte das denn nicht, was Sie oben beschreiben? Das ist doch selbstverständlich und sinnvoll. Ich möchte auch nicht aus verdrecktem Besteck essen und verdorbene Lebensmittel zu mir nehmen, auch erkranke ich sehr ungern an einer Salmonellenvergiftung. Gegen Maßnahmen der Art, wie Sie sie beschreiben, hat doch niemand etwas, da sinnvoll. Meine Beispiele aus den USA sollten lediglich völlig sinnlose und für das Gemeinwesen schädliche "Sicherheitsvorschriften" aufzeigen. "USA" ist überall!
Nein - hier ist nicht USA
Und dem Himmel sei Dank dafür. Deshalb bringen uns diese Beispiele überhaupt nicht weiter.
Was man daraus ablesen kann ist allerdings der verheerende Einfluss der Rechtsprechung auf alltägliche Vorgänge - und das Unvermögen der Rechtsetzung, also des Bundestages, des Bundesrates und der Landtage, darauf entsprechend zu reagieren.
Mitarbeiter im öffentlichen Dienst setzen kein Recht - sie führen lediglich bestehende Vorschriften aus. Und tun sie das nach Ansicht eines Betroffenen und des zuständigen Staatsanwaltes nicht richtig, haben sie zumindest mal ein Ermittlungsverfahren am Hals. Sie - und nicht ihre "politischen" Vorgesetzten.
USA ist überall...
in dem Sinne, daß es in jedem Land sinnlose und überzogene Vorschriften gibt. Ich erinnere nur an die Gurken- oder Bananenkrümmungsvorschriften der EU - inzwischen wieder abgeschafft - warum wohl? Die Regelungswut der EU-Bürokraten schreckt vor nichts zurück, wie die Flut immer neuer Vorschriften zeigt, darunter vieles, was so unnötig ist wie ein Kropf.