Der Hutsalon Jourdan
Frau Schurda hatte eine Gemeinsamkeit mit dem Nesseßär: Ihr Name wurde auch anders geschrieben als ausgesprochen. Ein J, ein 0, ein U, ein R, ein D, ein A und ein N standen über ihrem Hutsalon und wiesen auf eine französische Herkunft und einen französischen Chic hin.
Hinter den Schaufenstern hingen auf Messing- und Stahlgewinden Hütchen mit Netzchen und Hüte mit Schleifen, Hüte mit Schlüpfchen und Hütchen mit Schleierchen. Die Florentiner gefielen mir besonders. Aber die Florentiner vom Bäcker Gutfleisch gefielen mir noch besser.
Frau Schurda war eine formvollendete Dame. mit vollen Hüften und einem taillenbetonten grauen Kostüm, einer grauen krausen und kurzen Frisur und einem geheimnisumhütenden Lächeln. Sie krempelte Herrenhüte um, formte mit ein paar Handbewegungen alte Ladenhüter zu Modekappen, dämpfte Hutränder auf und knickte Melonen in der Mitte. Frau Schurda war eine Putzmacherin par excellence und putzmunter verfolgte ich ihre vielen kurzen Handgriffe.
In ihrem Salon gab es in jeder Preisklasse Kopfbedeckungen für Herren. Und der Mann von Welt fand bei ihr den Chapeau Claque, einen steifen Zylinder, einen Panamahut oder ein Maiser-Modell. Der Mann von der Straße kaufte sich bei Frau Schurda seine Schlägerkappe und brauchte deshalb weder Tennis noch Golf zu spielen.
Es erschien mir schleierhaft, weshalb Bräute so lange Schleier benötigten und Damen an der Hutstirnseite dunkle Netzchen trugen, die an den Nasenflügeln anstießen. Manchmal sah ich bei den Bekannten von Mama nur noch einen geschminkten Kirschenmund der eine Reihe strahlender Pepsodent-Zähne her zeigte und eine Kräuselnase, die mit dem Hutschleierchen kämpfte und dann sagte man mir, das sei schön. Ich glaubte es und war froh, dass ich eine französische Baskenmütze schräg aufgesetzt bekam und stolzierte mit Frau Schurdas Radiomützchen, meinem dunkelblauen Mäntelchen, den weißen Kniestrümpfen und den schwarzen Lackschuhen und mit meinem Gebetbuch am Sonntag in die Kirche. Mein rotes Käppchen saß wie eine halbe Tomate auf meinem Bubikopf und rutschte auf den frisch gewaschenen Haaren nach der linken Seite.
Bedenke ich heute die damalige geschmackvolle Mode und die harmonischen Farbtöne der Kleidung, so tun mir jetzt die lieben Kleinen leid, die in grellstem Zitronengelb, in kitschigem Krokuslila, in giftigem Froschgrün und in knalligem Orange auf die Straße geschickt werden, um in ihrem giftfarbigem Dress ALARM bei den Autofahrern zu schlagen. Meine Kinderzeit war noch eine stillere Zeit und so brachte sie auch ruhigere Farben hervor.
Und doch brachten die tausendfachen Dior-Kopien Schwung, Pfiff und Eleganz auf die Straßen und die weiten Kragen waren ausladend und die Schaufensterauslagen waren einladend. So zog es mich auch immer wieder zu den Kappen und Mützen und Hütchen von Frau Schurda und darum zog ich an Mamas Hand.
Mich faszinierten die riesigen Promenaden-Sonnenhüte aus Bast, und mich amüsierten die winzigen Dutt-Käppchen. Ich begeisterte mich für die Musketierhüte mit den buschigen Federwischen und ich betrachtete neugierig die Sherlock-Holmes-Mützen. Frau Schurda konnte einfach jede Kopfbedeckung anbieten - nur keinen Heiligenschein! Aber es ist wohl eine allzu menschliche "Bekleiderscheinung", dass danach noch nie eine rege Nachfrage bestand.
© Barbara Mitteis
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