Heimliche Helden. Das Genie alltäglicher Dinge
Mit ihrer Beständigkeit, ihrer effizienten Materialverwertung und ihrem hohen Gebrauchswert sind sie Musterbeispiele für Nachhaltigkeit und für die Ästhetik des Nützlichen. Mit der Ausstellung „Heimliche Helden. Das Genie alltäglicher Dinge" präsentiert das Vitra Design Museum gemeinsam mit Hi-Cone 35 dieser Alltags-klassiker, informiert über ihre Geschichte und zeigt, welche enorme Bedeutung sie heute haben, ideell und wirtschaftlich.
Die Heimlichen Helden gehen völlig in ihrer Funktion auf. Sie verrichten ihre Arbeit, ohne nach Aufmerksamkeit zu heischen. Das macht sie so sympathisch. Fast unmerklich haben sie Standards gesetzt: In der Art wie wir uns kleiden, unserem Umgang mit Nahrungsmitteln, im Transportwesen, bei unserer täglichen Arbeit. Ein zweiter Blick auf diese Standards lohnt sich auch deshalb, weil sich an ihren Geschichten größere Zusammenhänge der Kultur- und Industriehistorie ablesen lassen. So erzählt die Geschichte des Bleistiftes auch etwas von der Demokratisierung der Bildung und des Schreibens, die Konservendose von der Industrialisierung der Lebensmittelverarbeitung und der allgegenwärtige Überseecontainer von Globalisierung und weltweitem Warentausch. Das Post-It verbreitet sich als kleine Haftnotiz beinahe zeitgleich und erfolgreich mit dem Computer, weil es im Zuge der digitalen Textverarbeitung letzte Freiräume für handschriftliche Anmerkungen erhält. Und aus den Produktionszahlen des über 100 Jahre alten Druckknopfes oder des Mitte des 20. Jahrhunderts von George de Mestral erfundenen Klettverschlusses, lassen sich wiederum Rückschlüsse über den Wandel der Mode und die zunehmende Lockerung von Modekonventionen ziehen.
Zu den heimlichen Helden zählen Dinge, die sich über Jahrzehnte, quasi evolutionär, aus dem Industrialisierungsprozess heraus entwickelt haben, die dabei zahlreiche Variationen hervorgebracht haben, bis sie schließlich eine Form erreichten, die heute kaum noch zu verbessern scheint, wie etwa bei der Büroklammer. Darunter sind aber auch Dinge, die auf den spontanen Einfall eines Einzelnen zurückgehen und bei denen es vom Gedankenblitz des Erfinders bis zur Serienreife nur wenige Jahre dauerte: So zum Beispiel der minimalistische Multipack-Carrier von Hi-Cone, den der amerikanische Ingenieur Jules Poupitch um 1960 aus Kunststoff entwickelte - ein praktischer Dosenhalter, den es heute in leicht abgewandelter Form auch für Flaschen gibt. Oder die zur gleichen Zeit entstandene Bubblefolie von Marc Chavannes und Al Fielding.
Standards haben manche der heimlichen Helden zudem auf sprachlicher Ebene geschaffen, etwa wenn sich Markennamen zum Gattungsbegriff entwickelt haben: Die 1929 gegründete Marke Tempo ist in Deutschland zum Inbegriff des Papiertaschentuchs geworden, die Produkte des Unternehmens Tetra Pak sind Vielen ein Synonym für Getränkekartons aus Verbundpappe und dank der Firma Weck wird bis heute statt vom Einkochen vom Einwecken gesprochen.
Warum beschäftigt sich ein Design Museum mit diesen Alltagsobjekten? Weil diese Industrieprodukte Ideale der Moderne verkörpern, die auch heute wieder ganz aktuell sind: Materialökonomie, den Fokus auf die Funktion und - Beständigkeit. Weil es der heimliche Wunschtraum eines jeden Designers sein muss, solche nachhaltig erfolgreichen Produkte zu entwerfen. Weil sie die Arbeit von Designern auch immer wieder inspirieren, wie Exponate von Ingo Maurer, Naoto Fukasawa und Claesson Koivisto Rune in der Ausstellung belegen. Und weil ein Blick auf die heimlichen Helden vieles über die Bedeutung von Design aussagt: es ist oft dort am wirksamsten, wo es unbemerkt auftritt; es entsteht aus einem genauen Studium des menschlichen Alltags; es hat oft eine bewegte Geschichte und ist eng mit Industrie und Technologien gekoppelt; oft basiert es aber auch auf winzigen Änderungen unserer Denkrichtung, die dann große Auswirkungen auf unseren Alltag haben.
„Heimliche Helden. Das Genie alltäglicher Dinge" ist eine Ausstellung des Vitra Design Museums in Zusammenarbeit mit Hi-Cone. Zeitgleich mit dem Engagement von Hi-Cone als Sponsor der Ausstellung „Die Essenz der Dinge" entstand die Idee, dem Genie der alltäglichen Dinge ein eigenes Projekt zu widmen. Die Ausstellung präsentiert die Exponate gemeinsam mit Patentschriften und -zeichnungen der Erfinder, mit Werbung und Werbefilmen von heute, aber auch aus der Zeit, als die Produkte sich noch etablieren mussten, mit aktuellen und historischen Industriefilmen und mit Beispielen für die Impulse und die Inspiration, die sie bis heute bieten. Die Ausstellung stellt diese Alltagsgegenstände mit individuell inszenierten, multimedialen Schaukästen ins Rampenlicht. Der Buckminster Fuller Dome auf dem Vitra Campus verwandelt sich dafür in eine Bühne, in der die Dinge, die sonst ein Dasein unter der Wahrnehmungsschwelle fristen, für die Dauer einer Ausstellung jenen Auftritt haben, der ihrer Bedeutung gerecht wird.
Buckminster Fuller Dome, Vitra Campus, Weil am Rhein, 20.08.2010 - 19.09.2010
Eine Ausstellung des Vitra Design Museums in Kooperation mit Hi-Cone
Hi-Cone und das Vitra Design Museum zeigen diese Ausstellung ab 19. August auch im Internet unter www.hidden-heroes.net
Öffnungszeiten: Mo - So: 10 - 18 Uhr
weitere Informationen unter:
© Photos: Vitra Design Museum, Photos: Andreas Sütterlin
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