Hausmadonnen und ähnliche Skulpturen in Bruchsal
Kurz nachdem ich bei bruchsal.org meine „Fotostory“ zu den in Bruchsal noch zu findenden Hausmadonnen und Hausheilige veröffentlichte, erhielt ich von einem eifrigen bruchsal.org-Leser einen Hinweis auf einen Aufsatz zum gleichen Thema, der bereits Anfang 1960 publiziert wurde.
Der Bruchsaler Lehrer am Justus-Knecht-Gymnasium und Heimatforscher Dr. Ludwig Böer veröffentlichte im Jahresbericht für das Schuljahr 1959/60 des Justus-Knecht-Gymnasiums den Beitrag „Hausmadonnen und ähnliche Skulpturen in Bruchsal“.
Nachstehend wird dieser hochinteressante heimatgeschichtliche Beitrag erneut veröffentlicht, wobei ein interessanter Aspekt ist herauszufinden, was mit den einzelnen Madonnen zwischen 1960 und 2011 geschehen ist. Wie ich mittlerweile feststellte, konnte ich nicht alle von Herrn Dr. Böer erwähnten Hausmadonnen und Hausheilige finden – sei es, weil ich nicht richtig hinschaute oder weil diese einfach nicht mehr da sind.
Den Beitrag habe ich so gut wie unbearbeitet übernommen, Ergänzungen wurden von mir in eckiger Klammer […] eingefügt, Abbildungen zu den einzelnen Hausmadonnen und -skulpturen sind in meinem anfangs erwähnten Beitrag zu finden.
Ganz herzlichen Dank an Herrn J. für den Hinweis und fürs Überlassen der Kopien.
Hausmadonnen und ähnliche Skulpturen in Bruchsal
von Dr. Ludwig Böer
Deutschland hat durch den zweiten Weltkrieg einen so herben Verlust an Kunstwerken erlitten, dass wir allen Grund haben, die erhalten gebliebenen zu beachten und zu pflegen. Es ist glücklicherweise eine beträchtliche Zahl von wertvollen Figuren dem furchtbaren Fliegerangriff vom 1. März 1945, der die Stadt zu 80 % zerstörte, entgangen ¹). Ihnen seien diese Zeilen gewidmet.
Der Brauch, das Haus unter den Schutz eines Heiligen zu stellen, war im Hochmittelalter auch in Deutschland eingezogen. Skulpturen, die diesem Zweck dienten, wurden wie die Portalplastiken der Dome und Kirchen nur auf der Vorderseite voll behauen. Die aus mannigfachen Wurzeln der Volksfrömmigkeit genährte Verehrung der Heiligen im Mittelalter und in der Barockzeit war tief in das tägliche Leben eingedrungen. Die Verehrung als solche blieb, wenn sich auch das Gemüt in allen Jahrhunderten wieder an anderen Heiligen erbaute, so dass dem Künstler neue Aufgaben erwuchsen. Unter allen Heiligen nahm Maria den vornehmsten Platz ein und behielt ihn, wenn auch vorübergehend die Annaverehrung des späten Mittelalters die Verehrung der Jungfrau zu überwuchern drohte ²). Wie auch der Bestand der Bruchsaler Heiligenfiguren ausweist, sind es die Volksheiligen, die man sich zum Patron wählte, an ihrer Spitze, wie gesagt, Unsere Liebe Frau. Sie wurde auch in den anderen rhein-mainischen Städten als Hausmadonna bevorzugt, so in Aachen, Düsseldorf, Köln, Bonn, Mainz, das bis 1945 nicht weniger als 183 Hausmadonnen besaß, Heidelberg in der Barockzeit, Würzburg, Bamberg, Aschaffenburg u. a. Es ist die Initiative der Bauern und Bürger, denen wir die Hausfiguren verdanken. Und es waren einheimische Künstler und Handwerker, die sie aus dem heimischen Material, Sandstein und Holz, bearbeiteten. Der Anteil der Hofhandwerker und Bildhauer Bruchsals zur Zeit der Herrschaft der Bischöfe von Speyer, die vor 1720 bis 1803 in Bruchsal residierten, ist verschiedentlich spürbar, bedürfte aber einer näheren Untersuchung.
Das Schicksal mancher verlorenen Figuren wird sich kaum noch klären lassen. Aber es ist erstaunlich, wie viele sich erhielten; nicht wenige Einwohner verwunderten sich nach dem Angriff vom März 1945, wie oft gerade die Toreinfahrten mit den Hausmadonnen stehen geblieben waren. Die nicht betroffenen Straßen wie die Württemberger Straße und ein Teil der Huttenstraße weisen heute natürlich den Hauptbestand an erhaltenen Figuren auf. Wären diese beiden Straßen ein Maßstab für die ganze Stadt, so dürfte man die Gesamtzahl an Hausfiguren auf etwa 50 schätzen. Nach dem Angriff wurden die Figuren, soweit sie nicht schon zertrümmert am Boden lagen, abgenommen. Einige befinden sich heute an anderen Orten in der Stadt selbst; wie weit Figuren nach auswärts gingen, ließ sich nicht feststellen. Diebstahl scheint vorgekommen zu sein. Einige Figuren wechselten den Besitzer, blieben aber in der Stadt. Die nachfolgende Aufzählung sucht einen ersten Überblick über den Bestand zu gewinnen, ohne Anspruch auf Vollständigkeit zu erheben. Die Reihenfolge der Aufzählung wurde durch die ikonographischen Typen bestimmt. Die Feststellung des Bestandes machte mannigfache Umfragen nötig. Allen Befragten sei an dieser Stelle für die bereitwillige Auskunft herzlich gedankt.
Christuskopf
Am Hause Ritterstraße 3 (Besitzer Weiß, Grötzingen) findet sich am über Eck gestellten Giebel ein ca. 50 cm hoher eindrucksvoller Christuskopf mit Dornenkrone, wohl eine Arbeit des Steinbildhauers Gustav Löffler, der in der gleichen Straße mehrfach tätig war und dort drei Häuser erbauen ließ ³). [In der] Ritterstraße 8 findet sich außerdem ein Frauen- und bärtiger Männerkopf, der von Löffler stammt. Der erwähnte Kopf ist so hoch am Giebel angebracht, dass er der Aufmerksamkeit leicht entgeht. Er wurde laut Inschrift beim Bau des Hauses 1903 angebracht.
Heilige Familie
Eine der qualitätvollsten Skulpturen, die als Hausschmuck dienten, stand über der Toreinfahrt des Hauses Kaiserstraße 93 (ehemaliges Pelzgeschäft Jung [bis vor kurzem Drogerie Schlecker]), eine heilige Familie. Die Gruppe war von vornherein als Wandschmuck gedacht, wie die geringe Ausarbeitung auf der Rückseite beweist. Die hochbarocke Gruppe aus Rotsandstein(Höhe 1,05 m, Sockelbreite 0,95 m), wohl um 1710 anzusetzen, stellt Maria und Josef dar, die das Jesuskind führen, hier ein Knabe von drei bis vier Jahren. Zärtlich, mit barocker feinsinniger Gebärde beugen sich beide Eltern zum Kind herab, das - so geführt - rüstig ausschreitet, das Gesichtchen zum Himmel erhoben. Maria hat dem Kinde die linke Hand gereicht und rafft mit der rechten ihr bauschiges Gewand, während St. Josef den Knaben unter den Arm fasst und in der Linken sein Zimmermannsbeil hält, dessen Stiel auf dem Boden aufstößt. Vielleicht ist dieses Attribut, das hier einem Wanderstock ähnelt, und ein (abgebrochener) Stab in des Kindes Hand schuld daran, dass Rott (S. 79) diese Gruppe mit „Heilige Familie auf der Flucht" bezeichnete. Die ikonographische Darstellung der Flucht nach Ägypten, die Rott allein meinen kann, geht jedoch im 17. und 18. Jahrhundert ganz andere Wege und ist ohne figurenreiche Darstellung mit viel Tieren schwer denkbar4). Nahe steht die ikonographische Darstellung jedoch der „Ruhe auf der Flucht" insofern, als hier die heilige Familie häufiger in jener Gruppierung auftritt, wie sie unsere Skulptur zeigt.
Auch dieser Hausschmuck hat sein Schicksal gehabt. Er blieb beim Fliegerangriff erhalten, wurde abgenommen und zunächst auf dem Bauhof der Firma G. Stumpf sichergestellt. Die Erbin des Hauses, Frau Ebert geb. Jung in Lahr, überließ die Gruppe der Stadtkirche. Die Ölfarbe wurde sachkundig entfernt, und erst jetzt traten die bisher durch die Farbe vergröberten Züge in ihrer Schönheit hervor. Mit kräftigem Meißel hat der unbekannte Künstler den Stein bearbeitet, so dass Tiefenwirkungen und eindrucksvolle Bewegungen in der Haltung der Figuren und ihren Gewändern heraussprangen. Die Gruppe steht seit 1958 an der inneren südlichen Längswand der Stadtkirche Unsere Liebe Frau.
Vesperbilder (Pietà)
Den Namen Vesperbild bekam die bekannte Gruppe der Schmerzensmutter mit dem toten göttlichen Sohne auf dem Schoß schon im Mittelalter zur Erinnerung an den Abend des Karfreitags. Ende des 13. Jahrhunderts im niederdeutschen Raum entstanden, hat sich diese Art der Darstellung bald verbreitet und wurde besonders am Rhein gepflegt. Eine weder bei Heiligenthal noch bei Rott erwähnte mittelalterliche Pietà hat sich im Hause Klosterstraße 44 (Siegele) erhalten. Bis vor wenigen Jahren stand die Gruppe in einer glasverkleideten Nische der Hauswand (2. Stock). Nach der mündlichen Tradition des Hauses ist die Pietà die Stiftung einer kranken Frau um die Mitte des 19. Jahrhunderts, die im gegenüberliegenden Hause wohnte und von ihrem Krankenbett aus einen erbaulichen Anblick haben wollte. Sie wählte die Schmerzensmutter, deren Herkunft jedoch unbekannt ist. Bis zur Entfernung der Figur aus der Nische wurde der Stiftung gemäß eine Kerze in der vor der Figur hängenden Lampe gebrannt, zumal an Festtagen wie Fronleichnam.
Die spätmittelalterliche Gruppe, in der zweiten Hälfte des 15. Jahrhunderts entstanden, ist aus Holz (Höhe 1,10 m, Sockelbreite 0,60 m), im Rücken hohl. Die Schmerzensmutter sitzt auf einer Bank und hält den toten Sohn auf dem Schoß, dessen gekröntes Haupt leicht nach hinten fällt. Der Corpus ist nur wenig angehoben. Trotz des erbarmungswürdigen Erhaltungszustandes vermag die Gruppe noch einen starken Eindruck zu vermitteln. Ein dicke Schicht weißer Ölfarbe vermochte die ursprüngliche Farbe völlig zu verdecken, Reste der blauen Mantelfarbe sind nur noch auf dem Rücken erkennbar. Die ursprünglich auf Leinwand aufgetragene Farbe ist allenthalben abgeplatzt, tiefe Löcher sind entstanden; Denkmalpflege wäre hier eine letzte Rettung.
Eine zweite Vesperbildgruppe befindet sich an der Mauer des Altersheimes auf der Huttenstraße, dicht neben den 1960 entstehenden neuen Gebäuden der Brauerei Denner. In barocker Nische, hinter einem Eisengitter, hat sich diese Gruppe des 17. Jahrhunderts bedeutend besser erhalten. Sie steht offenbar in einem künstlerischen Zusammenhang mit der Figurengruppe der Grablegung in der kleinen Kapelle derselben Straße, die - wie die Pietà - aus Sandstein ist. Man geht nicht fehl, wenn man annimmt, dass der Auftraggeber dieser Gruppen das Kapuzinerkloster war, das einstmals an der Stelle des heutigen Altersheimes stand (vgl. Rott 46-48). Erwähnt sei bei dieser Gelegenheit, dass sich im Besitz des Architekten Dipl.-Ing. Ed. Holoch, Huttenstr. 27 eine kleine stehende Madonna mit dem Kind auf dem rechten Arm befindet (ca. 25 cm hoch), die nach der Überlieferung des Hauses vom letzten Kapuzinerpater der Familie geschenkt wurde. Das Figürchen ist wohl um 1590 anzusetzen.
Sitzende Madonna mit Kind
Sie gehörte als Hausmadonna früher dem Hause Kegelstraße 3 (Glasermeister Schmiedle, jetzt Blumenstraße 10). Zur Zeit [1960] wird die Figur im Sammlungsschrank des Heimatmuseums im Justus-Knecht-Gymnasium aufbewahrt. Aus ihrer glasverkleideten Nische ist sie schon vor 1914 durch einen sammelfreudigen Einwohner in das Heimatmuseum gelangt und wurde bei der Verbombung gerettet. Ihr Erhaltungszustand ist allerdings ebenfalls jämmerlich. Wann sie beide Arme verloren hat, lässt sich wohl kaum feststellen; auch das Kind, das sie auf dem Schoß hielt, ist nicht mehr da. Der Sockel der Holzfigur (0,75 m) ist so beschädigt, dass sie gestützt werden muss. Die Farbe ist noch gut erhalten: rotes Kleid, blauer Mantel, helles Kopftuch. Die Rückseite ist hohl. Der Körper der Madonna ist leicht nach vorn gebeugt, die Gewandfalten bauschen sich über dem linken Knie, das Haar fällt aufgelöst auf die Schulter herunter, das etwas bekümmerte Gesicht der Mutter ist nicht ohne Reiz5). Auch diese Figur gehört dem späten Mittelalter an. Erwähnt sei, dass auch das Nachbarhaus, Kegelstraße 5, eine Hausmadonna besaß, deren Art sich nicht feststellen ließ; sie scheint verloren.
2. Teil am 11. August 2012
Anmerkungen :
1) Bruchsaler Heimatgeschichte, bearb. v. F. Herzer und H. Maas, 1955, 65-68, 75-78 — O. B. Roegele, Bruchsal wie es war, 1955, 63
2) L. A. Veit, Volksfrommes Brauchtum und Kirche im deutschen Mittelalter, 1936, 30-38 — St. Beissel, Geschichte der Verehrung Marias in Deutschland während des Mittelalters, 1909 — B. Kleinschmidt, Die heilige Anna, 1930 — Veit/Lenhart, Kirche und Volksfrömmigkeit im Zeitalter des Barock, 1956 — Lexikon der Marienkunde, 1957 ff, Art. „Anna" — R. E. Kuhn, Würzburger Madonnen des Barock und Rokoko, 1949
3) L. Böer, Der Steinbildhauer Gustav Löffler. In: Bruchsaler Rundschau vom 22. 9. 1954
4) A. Heimendahl, Die Flucht nach Ägypten (Maria im Werden der Kunst Bd. III), 1951, 42
5) Abbildung In: Baden. Monographien seiner Städte und Landschaften (Bruchsal, Stadt und Landkreis) 10. Jg., 1958, 49 — Bauer, 400jährige Madonna aus der Kegelgasse. In: Bruchsaler Rundschau vom 22. 7. 1953
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