Ein "Hammer-Event"
Jahrelang lag er im Dornröschenschlaf - der alte Güterbahnhof, der geschichtsträchtige. Vom Güterbahnhof aus wurden 1940 die Bruchsaler Juden nach Gurs verschleppt. Und nun wird er eventuell platt gemacht - Bruchsal braucht Platz für die Bahnstadt und die Stadtbahn. Dabei stellt die alte Güterhalle ein Industrie- und somit Kulturdenkmal dar.
Wenn sie nicht in Bruchsal stünde, gäbe ich ihr Überlebenschancen, aber so? Man weiß ja, wie die Stadt mit ihren Kulturdenkmälern verfährt. Spontan fällt mir da der Gutshof und der Schlachthof ein, dann das alte Wasserwerk, s. auch mein Beitrag:
http://www.bruchsal.org/story/das-alte-wasserwerk-von-bruchsal
Das verheißt nichts Gutes für die alte Halle, jahrzehntelang ein Umschlagsplatz für Güter aller Art - und einmal auch für Menschen. Dabei ist sie eigentlich, bei näherem Hinschauen, ein Kleinod und kann für alles Mögliche genutzt werden. Die Bausubstanz ist nämlich noch in Ordnung. Durch den breiten Dachüberstand
kommt so gut wie kein Regen an die Mauern, eine Rampe an der Westseite schützt ebenfalls vor Nässe. Das Mauerwerk ist also trocken, das Dach ist dicht und in einwandfreiem Zustand und sieht von innen auch noch unverschämt gut aus, da die nackten Dachziegel auf einer sehr schön sichtbaren
Holzbalkenkonstruktion liegen. Das Gebäude ist also noch für allerlei Zwecke nutzbar, vor allen Dingen, da es einen Riesenraum bietet (der Spuren der Nutzung durch die Bahn trägt). Zum Beispiel stehen noch Tafeln herum, auf die mit Kreide Empfänger und Ortschaft der Ware geschrieben sind.
Das muß man sich so vorstellen, dass bei der Tafel “Hambrücken” z.B. alle Güter gelagert waren, die nach Hambrücken gingen. Diese Waren wurden von den Empfängern am Güterbahnhof abgeholt oder sie wurden von der Bahn per Lastwagen ausgeliefert. Eine für Bruchsaler besonders interessante Tafel ist eine Tafel mit den Empfängernamen “Bärle” und “Matthies”, zwei bekannte Bruchsaler Eisenwarenläden.
Dass die Halle noch gut genutzt werden kann, zeigt jetzt die Kunstausstellung “visite-art”. Die Absicht ist es, Kunst in einem ganz besonderen Ambiente zu präsentieren. Das Konzept von “visite-art” ist für Bruchsal, ich muß es einmal ganz salopp sagen, ein “Knaller”. Der Organisator, Tom Naumann,
Bereichsleiter Kunst der Bruchsaler Musik- und Kunstschule, organisierte vorher schon zwei derartige Ausstellungen in Karlsruhe und Straßburg. Für Bruchsal zeigt er sich nun, im Rahmen dieser Ausstellung, von seiner “neuen Seite” als Künstler und Ausstellungsmacher. Das Konzept dieser Ausstellung hat er auf das besondere Ambiente und den geschichtsträchtigen Ort abgestimmt.
Der Ort, von dem aus die Bruchsaler Juden deportiert wurden, soll durch die Verbindung mit der Kunst eine besondere Würdigung erfahren, denn Tod und Leiden sind eng mit ihm verbunden. Dementsprechend wurden auch die Künstler und die Kunstwerke ausgewählt. Es ist Kunst, die unter die Haut geht. Nackte Kunst und aufs Wesentliche reduzierte Abstraktionen, die sich nur durch Farbe und Form ausdrücken. So ist ein Zyklus “Auschwitz”
des vor drei Jahren verstorbenen Juden Ben-Ami Koller aus Paris, dessen Verwandtschaft dort umgekommen ist, nahezu vollständig zu sehen. Koller zeigt schonungslos das nackte Grauen im Konzentrationslager.
Aber auch Jean-Christophe Fischer knüpft daran an. Aus der Finsternis des Hintergrundes treten dem Betrachter haptische Gesichter, verzerrt zu Fratzen, entgegen. Die Gesichter zermürbt, die Bewegung eingefroren, wirken sie zugleich erschreckend wie auch hilflos.
Es sind aber keine Fabelwesen, sondern sie haben eine Spiegelfunktion, die Monster gleichen ihren Betrachtern, es sind unerwartete Einblicke in die Abgründe der menschlichen Seele. Fischers Werke zeigen die dunkle Seite des Ichs, die man gerne verheimlichen möchte und schließen so den Kreis zu Koller, der ebenfalls Einblicke in die Abgründe der menschlichen Seele bietet. In Kombination mit dem rohen Gebäude
ergibt sich eine besondere Atmosphäre, von außen dringt Straßen- und Eisenbahnlärm herein, das Tageslicht gelangt nur spärlich durch die zugewachsenen und vernagelten Fenster und durch die Ritzen der Tore.
Die hochwertigen Kunstwerke hängen nicht an weißen Wänden, nicht in einer Galerie, wie man es gewohnt ist. Alles ist ein Provisorium, und gerade diese Umgebung, dieses Flair, dieses Ambiente hebt die Kunstwerke noch mehr hervor und macht sie interessanter.
Auf die Idee, den alten Güterbahnhof für eine Kunstausstellung zu nutzen, sei die Oberbürgermeisterin (Hut ab!) bei einem Besuch der Heidelberger Bahnstadt gekommen und Tom Naumann habe den “Mut und die Tatkraft” besessen, diese Idee ohne großen finanziellen Aufwand umzusetzen. Was dabei herausgekommen ist, ist ein “Hammer-Event” für Bruchsal, ich persönlich bin total begeistert und kann nur jedem empfehlen, die Ausstellung, so lange sie geöffnet ist (bis Montagnacht, den 3. Oktober), zu besuchen. Er profitiert in zweifacher Hinsicht: Einmal sind die ausgestellten Werke außergewöhnlich, die Halle ist es auch, die Kombination von beidem ist unübertroffen
und es wird sie sobald nicht wieder in Bruchsal geben. Ich wage sogar zu hoffen, dass es im Falle dieses Kulturdenkmals vielleicht eine Wende geben könnte, denn der neue Stadtplaner Hartmut Ayrle war bei der Eröffnung zugegen. Vielleicht könnte man die Halle als Kultur- und Mittelzentrum in die neue Bahnstadt integrieren? Viel Erhaltungsaufwand wird nicht zu betreiben sein, einen Stromanschluß, Beleuchtung, WC-Anlagen und vielleicht eine kleine Küche. Eine Heizung ist nicht von Nöten, da man das Gebäude im Winter einfach nicht nutzt. Ansonsten gibt es 1000 Nutzungsmöglichkeiten, und durch Stellwände und Raumteiler kann man auch kleinere Räumlichkeiten herstellen und nutzen.
Vielleicht, ja vielleicht wird in Bruchsal ein Kulturdenkmal auch einmal gerettet anstatt vernichtet. Wenn Sie sich einen Eindruck machen wollen, schauen sie ins Video rein (nicht vergessen auf Full HD oder 1080p klicken!):
Veranstaltungen: Aktuelle Termine
-
Samstag, 25. Mai 2013 - 14:00
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Montag, 27. Mai 2013 - 17:30
-
Donnerstag, 30. Mai 2013 - 17:00
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Dienstag, 4. Juni 2013 - 17:00 - 21:00
-
Freitag, 14. Juni 2013 - 17:00 - 18:00
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Kommentare
Der alte Güterbahnhof
Wie immer, ein toller Bericht von Waldemar Zimmerman.
Wenn man dem Verweis auf das alte Wasserwerk nach geht, so stellt man fest, dass dieser zwar viel Interesse (19 Kommentare) hervorgerufen hat, aber was ist in der Zwischenzeit mit dem alten Wasserwerk geschehen?
Der alte Güterbahnhof
Wie immer, ein toller Bericht von Waldemar Zimmerman.
Wenn man dem Verweis auf das alte Wasserwerk nach geht, so stellt man fest, dass dieser zwar viel Interesse (19 Kommentare) hervorgerufen hat, aber was ist in der Zwischenzeit mit dem alten Wasserwerk geschehen?
Wasserwerk schweigt
Ich glaube, auf die Antwort bezüglich der Zukunft des alten Wasserwerkes warten wir noch. Oder?
Und geschehen ist damit nichts - es ist nur ein bisschen weiter verkommen.