Gurs 968 km
"ALLES HERAUSTRETEN AUF DIE STUFEN!" Ein wenig erschrak man schon nach der eher beschaulichen Auftaktveranstaltung mit Musik, Tanz und Ansprachen von OBin Petzold-Schick und H.-J. Rettig von der Friedensinitiative Bruchsal im BÜZ, auch wenn es sich bei der Stimme im Kasernenhofton unverkennbar um Theaterdonner handelte. Der folgende Stadtrundgang mit szenischen Aufführungen an den geschichtsträchtigen Orten in Bruchsal wie Bürgerpark, Kübelmarkt, Marktplatz, Feuerwehrhaus, Luisenpark, Viktoriaanlage und Bahnhof im Gefolge einer Gruppe jüdischer Mitbürger, dargestellt von Schauspielern, war schon sehr eindrucksvoll an diesem kühlen Oktoberabend. Unversehens sah man sich in der Rolle der Menschen, die vor genau 70 Jahren wie Vieh durch die Stadt an den Bahnhof getrieben wurden, von wo sie in Viehwagons quer durch Frankreich in die Pyrenäen transportiert wurden um im Zwischenlager Gurs die Vorstufe zur Hölle von Auschwitz zu erleben. Die von der BLB, dem Exil-Theater, der Koralle und der MuKS vorgetragenen Lesungen und gespielten Szenen an den einzelnen Stationen intensivierten den Eindruck noch und verdeutlichten die Dimension des Verbrechens, das in Bruchsal ebenso wie überall in Baden-Württemberg, Rheinland-Pfalz und dem Saarland praktisch ohne Widerstand der nichtjüdischen Bevölkerung vonstatten ging. Die gut 100 Teilnehmer an der Prozession waren sichtlich beeindruckt.
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Kommentare
Noch wesentlich intensiver
hätte man die Szenen zu diesem Gedenktag erleben können, wenn die Stadtverwaltung den Autoverkehr für diese ca. achtminütige Szene am Holzmarkt und für die ca. 5 min. beim Feuerwehrhaus unterbunden hätte.
So war man doch stark akustisch durch den Autoverkehr abgelenkt.
Fast schon inszeniert wirkte der unbeteiligte Bauarbeiter in der Rathausgalerie in vollem Lichte im Hintergrund der BLB - Lesung vor dem Rathaus und das kurze Herauskommen der Jugendfeuerwehr und desinteressierte Zurückgehen - Rolltor wieder runtergefahren - beim Feuerwehrgebäude. Das hätte man der Jugendfeuerwehr wirklich beibringen können, dass da, wo sie ihre Übungen abhalten, mal die jüdische Synagoge stand.
Das heutige Desinteresse, die mangelnde Sensibilität und Gleichgültigkeit bei diesem heiklen Thema bleiben Anlass zur Sorge.
Argumente, die man häufig hört, wie "nicht schon wieder diese Vergangenheitsbewältigung, ich kann's nicht mehr hören" haben, wie man erleben konnte, keine Gültigkeit - Aufklärung "gegen das Vergessen" bleibt ein Leben lang wichtig.
Wenn ich mich daran erinnere,
Wenn ich mich daran erinnere, welcher politischen Kämpfe es Anfang der 90-er Jahre bedurfte, um die Filmsequenz vom Abtransport der letzten Juden nach Gurs überhaupt öffentlich zu machen (nach dem Willen der Stadtverwaltung sollte der Film der Öffentlichkeit vorenthalten werden und war unter sicherer Verwahrung des damaligen Hauptamtsleiters), dann hat sich in Bruchsal doch etwas geändert: Das Stadtoberhaupt zeigt sich mit dem Sprecher der Friedensinitiative auf einer gemeinsamen Veranstaltung zum Gedenken an die Verschleppung nach Gurs. Da muss man kurz inne halten und sich dieses auf der Zunge zergehen lassen. Da haben sich gesellschaftliche Koordinaten verschoben. Dabei darf nicht vergessen werden: 20 Jahre waren für eine solch überfällige Entwicklung eine verdammt lange Strecke.
Bruchsal.org
Und ich wage mal zu behaupten, dass all dies nur durch die Aktivitäten von Bruchsal.org möglich war. Ich denke, auch die Oberbürgermeisterin hat durch Bruchsal.org und die zahlreichen Beiträge den nötigen Rückhalt bekommen, so auftreten zu können wie sie es tat.
Auch solche Handlungen rücken ihren Vorgänger in das ihm gebührende Licht...
Endlich zeigt Bruchsal dem Land und der Welt ein anderes, neues Gesicht!