Good bye, Mary Morgan! Du wurdest von mir nie vergessen!
Die Freundschaft mit der fröhlichen Engländerin Mary Morgan hielt nach mitteleuropäischer Zeit nur drei Tage oder 72 Stunden.
Das erste, was ich von dem "english girl" wusste, war ihre Adresse, die mir meine Englischlehrerin in die Hand drückte.
Für die Sängerinnen suchte die Direktion Quartiere , und so meldete ich mich als Sextanerlein, um mit großer Begeisterung einer Engländerin meine Schlafstelle abzutreten. Aber Mary war bescheiden und wollte nur die Couch. Sie war keines einzigen deutschen Wortes mächtig, und ich warf der armen Mary meine ersten Englischbrocken hin, die sie schlucken musste. Sie verschlang entzückt das deutsche Frühstück, das deutsche Mittagessen, trank deutschen Kaffee,aß deutschen Gugelhupf und verzichtete fair auf das Abendbrot wegen ihrer Stimme. Ich hungerte nicht, denn sonst hätte während des Konzertes wohl mein Magen gesungen.
Und so saß ich gesättigt in der Aula auf meinem Klappstühlchen und hörte mit Mama den Ohrenschmaus. Ach, Mary und all die andern hübschen und fröhlichen Mädchen sangen so hinreißend schön, dass ich erstaunt meinen kleinen Schnabel aufsperrte und die kleine Kinnlade hängen ließ. Mary sang ganz hoch und Mama sagte, dazu sage man Sopran, und unser Gast schüttelte die Löckchen beim Applaus und lächelte in unsere Richtung. Wie war ich selig!In freien Stunden brachte Mary noch eine Kameradin zu uns, und Mama unterhielt sich mit den beiden Mädchen und am ehesten verstand ich YES und NO !
Mary gab mir zum Abschied drei große Kupfermünzen und sagte zu mir: "We have a Queen." Leider konnte ich der Engländerin keinen deutschen Kaiser mehr anbieten, da besonders gute bürgerliche Demokraten den Monarchen zum Tulpenzüchten nach Holland verbannt hatten, und ihn dort sterben ließen.
Mary war so wichtig in meinem kleinen Leben. Ich kannte bis dahin ja nur den Pater Antoine, den Franzosen, und das Ehepaar Lisewski, die Polen, und Frau Müller, die eine Österreicherin war.
Ein einziges Mal schrieb mir Mary Morgan eine Karte, und in meinem kindlichen Eifer schrieb ich ihr immer wieder in haarsträubendem Englisch, was ich in der Freizeit tat, und
was ich in der Schulzeit nicht tat, aber Mary antwortete nie mehr. Entweder erreichte ich nicht mehr ihr Herz,oder einer ihren vielen Züge fuhr für immer davon.
Good bye, Mary! Du wurdest von mir nie vergessen!
© Barbara Mitteis
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