Geschichte eines mysteriösen Mordes
Zwei Russen, zum Tode verurteilt vom Sondergericht in Saarbrücken im Januar 1945, wurden am 20. März 1945 im Steinbruch am Münzesheimer Weg, Bruchsal, erschossen:
Letzte Hinrichtung unter den Nazis in Bruchsal. Wenn es am 01. März keinen Luftangriff gegeben hätte (http://www.bruchsal.org/story/zum-1-m%C3%A4rz), der die Hinrichtungsmaschinerie ins Stocken brachte, wären sie wohl in der Psycha geköpft worden.
Die Geschichte wird erzählt in dem Film “Röchlings letzte Zeugin. Geschichte eines mysteriösen Mordes”. Zu sehen am 11. Juni 2011, von 18.45 bis 19.15 Uhr im SR Fernsehen. Autorin: Dr. Inge Plettenberg. Frau Plettenberg mit ihrem Team Winfried Kucharski, Louis Kucharski und Dirk Meilhard war am Freitag, den 29.04.2011 in Bruchsal, um hier zu drehen. Gedreht wurde an der Gedenkstätte im Bürgerpark,
an der Gedenkstätte für die in Bruchsal bestatteten ausländischen Opfer des zweiten Weltkrieges auf dem Friedhof,
am Ort der damaligen Erschießungen, am nunmehr zugeschütteten Steinbruch am Münzesheimer Weg (s. Photo oben) und dem Gelände des Obst-, Wein- und Gartenbauvereins im Rohrbachtal, welches früher zu dem Steinbruch gehörte
sowie an der Justizvollzuganstalt Bruchsal, in der die zwei Deliquenten einsaßen.
Drehorte außer Bruchsal waren Völklingen, Sulzbach/Saar, Aichach und St. Petersburg. Der Bruchsaler Autor, Fernsehjournalist und Schlachthofwirt Rainer Kaufmann als profunder Kenner der Bruchsaler Nazizeit und Autor des Buches “Seilersbahn, ein Weg Geschichte", wirkte am Gedenkstein im Bürgerpark
mit und auch einige Bruchsaler Zeitzeugen standen beratend zur Seite, was das damalige Geschehen und die genauen “Locations” betrifft. Bruchsal.org war bei den Dreharbeiten ebenfalls zugegen und “drehte die Dreharbeiten”, herausgekommen ist sozusagen eine Art “Making of...” Auf jeden Fall ist es schon sehr interessant, zu beobachten, was für ein Aufwand für einige Minuten Drehzeit betrieben wird, ganz abgesehen von den Recherchen, die sich über Monate hinzogen. Die Recherchen mußten ja jeweils vor Ort betrieben werden, es mußten Ämter und Archive aufgesucht, Dokumente beschafft, Kontakte mit Behörden aufgenommen, Genehmigungen eingeholt, mit Zeitzeugen gesprochen werden usw. - ganz schön viel Aufwand für 30 Minuten Film. Frau Plettenberg war schon einige Tage vor Drehbeginn vor Ort, um mit Leuten zu sprechen, die Drehorte zu besichtigen und Drehzeiten festzulegen. Die Dreharbeiten zogen sich dann einen ganzen Tag hin, und, wie gesagt, der Aufwand ist schon erheblich. Mal paßte das Licht nicht, weil die Sonne nicht richtig stand oder Wolken vorbeizogen, mal mußte die Szene wiederholt oder von einer anderen Perspektive gedreht werden, es wurde probiert, gedreht, diskutiert - verständlich, schließlich soll ja ein perfektes “Produkt” abgeliefert werden, zu besichtigen eben am 11. Juni. Wer daran interessiert ist, wie so etwas abläuft, der kann ja in das Video am Ende des Berichts reinschauen. Doch zuvor will ich die Gelegenheit ergreifen, um noch einmal auf das Geschehen in der Bruchsaler Psycha Mitte 1944 bis zum 20. März 1945 hinzuweisen: Rainer Kaufmann schreibt in seinem Buch “Seilersbahn”, dass in der Zeit vom 22. Juni 1944 bis 20. März 1945 in Bruchsal nachweislich 64 Menschen hingerichtet wurden, die letzten 9 in einem Steinbruch hinter der ehemaligen Tabakfabrik Steiner, die übrigen in der Richtstätte in der Seilerbahn. Zur genauen Lokalisierung, nachdem dies zuerst unklar war, verweise ich auf meinen Bericht http://www.bruchsal.org/story/rohrbachtal-ii-steinbruch hier in Bruchsal.org (Kommentare). Auf Grund der Ortskenntnisse einiger Bruchsaler Zeitzeugen, die als 12 bis 13jährige Buben in der Gegend herumgeräubert sind und auch einiges gesehen haben (z.B. wie eine Kompanie Soldaten wöchentlich aus dem Wehrmachtsgefängnis in der Huttenstraße ausrückte und zum Schießen in den besagten Steinbruch marschierte, Huttenstraße - Bergstraße -Rohrbachtal, und dass bei Erschießungen von Wehrmachtssoldaten diese und das Erschießungskommando auf Lastwagen in den Steinbruch transportiert wurden), konnte die Lage des Steinbruchs am Münzesheimer Weg und auf dem Gelände des heutigen Obst-, Wein- und Gartenbauvereins genau lokalisiert werden (s. Photos oben). Der Steinbruch gehörte offensichtlich zum Wehrmachtsgefängnis und diente auch als Schießstand, es sollen sich zwei Schießbahnen darin befunden haben. Bei Erschießungen sollen in diesen Bahnen zwei Holzpfähle aufgestellt worden sein, an welche die Opfer angebunden wurden. Eines der Photos oben zeigt den zugeschütteten Steinbruch, heute eine idyllische Hangwiese. Somit wurden in der Psycha 55 Menschen geköpft. Nachfolgende Bilder zeigen eine Luftaufnahme der Psycha aus dem Jahre 1972 (eigene Aufnahme), gut zu erkennen der Hinrichtungsschuppen an der linken Außenmauer (rot umrandet),
den Hinrichtungsschuppen im Innenhof an der westlichen Außenmauer der Psycha von außen
sowie einige Gesamtaufnahmen der Psycha (aus Rainer Kaufmann’s Buch “Seilersbahn”).
Textauszug aus dem Buch: “Die Richtstätte war äußerst einfach gebaut, dafür aber besonders praktisch eingerichtet. Der 3.70 bis 4.30 m hohe, an die Gefängnismauer angelehnte Bau war von außen insgesamt 15 m lang und 6 m tief. Im Inneren war er in drei Räume aufgeteilt: - den Vorraum, in dem die verurteilten vom Staatsanwalt und den als Zeugen anwesenden Beamten empfangen wurden, dem eigentlichen Hinrichtungsraum, in dem die Guillotine stand,
und - dem Aufenthaltsraum für die Scharfrichter.
Der Hinrichtungsraum, 5.40 m x 5.80 m groß, war bis auf eine Höhe von etwa 2.10 m mit weißen Kacheln ausgestattet, der Boden mit roten Kacheln, praktisch und abwaschbar, ausgelegt. An der rechten Seitenwand war ein Wasseranschluß, ebenso ein Abfluß in die Kanalisation. Bei diesem Raum hat man auf Zweckmäßigkeit großen Wert gelegt....” Die Vollstreckungen erfolgten im Drei-Minuten-Takt. Von der Vorführung des Todeskandidaten bis zur Vollziehung dauerte es genau 20 Sekunden. In dieser Zeit wurde wurden die Personalien festgestellt, das Urteil erklärt und der Kandidat angeschnallt und enthauptet.
Weitere 2 1/2 Minuten dauerte es, die Spuren der Hinrichtung zu entfernen, und der nächste Kandidat wurde hereingeführt. Was für Leute wurden da hingerichtet? Laut Sebastian Grundel, dem ehemaligen Totengräber der Stadt, kamen zuerst die von der Wehrmacht wegen Wehrkraftzersetzung (das konnte auch ein Witz über den Führer sein) und Desertation dran, dann die Zivilisten wegen Mord, Plünderung, Schwarzschlachtung (!), Abtreibung (!), wiederholtem Einbruchdiebstahl usw. Sebastian Grundel, der alle unter die Erde bringen mußte, schreibt in seinen Erinnerungen “....zumal es sich um Geschöpfe handelte, die durch ihre Not und ihre Handlung den Tod nicht verdient hätten”. Soweit dazu. Anbei noch einige Photos vom Abriß der Psycha in den frühen 70er Jahren. Auch so ein Kapitel unserer Stadt.
Die Psycha war ein verhältnismäßig modernes Gebäude, was hätte man daraus machen können! Eine Bibliothek, die Volkshochschule. Aus der ebenfalls abgerissenen Kapelle
hätte man eine würdige Gedenkstätte an die Opfer jener Zeit machen können. (Übigens: beim oder kurz vor dem Abriß sind der Altar und das 2 m x 1.5 m große Altargemälde “gesichert” worden. Trotz heftigster Nachforschungen weiß heute keiner mehr, wo die Sachen “abgeblieben” sind. Von einem Sammler unter den Nagel gerissen? Es ist skandalös, was in Bruchsal mit vielen Kulturdenkmälern geschehen ist, ich erinnere in diesem Zusammenhang ebenfall an die Mosaiken an der ehemaligen Brauerei Denner, die ebenfalls “spurlos” verschwunden sind). In Verbindung mit dem Schlachthof, dem Gutshof und auch dem alten Wasserwerk hätte man in Bruchsal Kulturstätten erschaffen können, wodurch man das Bürgerzentrum wesentlich kleiner und nicht so kostspielig hätte gestalten können. Was der Krieg nicht kaputt gemacht hat, haben die Bruchsaler selbst besorgt, maßgeblich unter einem Herrn im “Trachtenjanker”, der heute, wenn die Sonne scheint, “guten Gewissens” durch Bruchsal geht. Soweit zur Bruchsaler Vergangenheit. Die Gegenwart sieht so aus:
(Die Mehrzahl der Photos aus Rainer Kaufmann's Buch "Seilersbahn").
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Kommentare
Hinrichtungsstätte wurde zum Müllplatz
"Zugeschüttet" wurde der Steinbruch - ja, aber womit? Zunächst mal mit dem Müll der Bruchsaler. Und zwar nicht "nur" mit Hausmüll - da kam alles hinein, bis zum Autowrack.
Stilvoll, wie in Bruchsal üblich.
Aus der Syagoge wird ein Feuerwehrhaus, aus einem Exekutionsgelände eine Müllkippe.
Das hat doch auch seine Symbolkraft, aber eine ganz eigene, nicht wahr?
"Gesicherte" Antiquitäten
Wenn über den Verbleib das Archiv nichts hergibt, würde ich mal die älteren Mitarbeiter des Baubetriebshofes fragen.
Als der von der Moltkestraße in sein neues Domizil umzog, wurde auch "so aldes Zeigs" entsorgt.
Fragt sich nur, wohin.
Danke
Danke für diesen heimatkundlichen Ausflug. Es dreht einem den Magen um. Es wird Zeit, dass Ross und Reiter öffentlich werden.
Exekutionsstätten-Weiternutzung
Ja, dieser Müllplatz - damals offen zugänglich - war für uns Jugendliche ein interessanter Abenteurspielplatz. Die Autowracks wurden ausgeschlachtet - Kabel, Steckverbinder, Schalter, Wischermotoren, das war für uns interessantes und kostenloses Bastelmaterial.
Später, als die Müllentsorgung auch in unserer Gegend langsam etwas zivilisierter wurde, deckte man die Müllkippe mit irgendwelchem Aushubmaterial ab und begrünte sie.
Oben wurde sogar ein öffentlicher Grillplatz (!) eingerichtet - mir dreht sich heute der Magen um, wenn ich daran denke, wo und auf welchem Untergrund wir unsere Steaks brieten...
Übrigens erinnern mich diese diversen Umnutzungen der ehemaligen Müllkippe Münzesheimer Berg an die wahrhaftig glorreiche Idee diverser Bruchsaler Planer, etwas vor dieser Zeit auf dem früheren Müllplatz an der Hanfröste - besser bekannt als "Eisweiher" - eine Kleingartenanlage anzulegen.
Nachdem man zuvor jahrelang eine frühere Sandgrube mit offener Grundwasserfläche völlig bedenkenlos mit Müll verfüllt hatte. Wo dieser natürlich heute noch schlummert.