Gedanken zu einem Gedenktag.
Der 1.März ist Geschichte. Der des Jahres 1945 schon 65 Jahre und der des Jahres 2010 etwas mehr als 24 Stunden. Nach den Erfahrungen des Montags dieser Woche kann aber niemand in Bruchsal der Frage ausweichen, wie man künftig mit diesem Datum, vor allem an runden Jahrestagen, umzugehen gedenkt. Denn dass jährlich am 1. März ein Eintages-Voll-Programm des Gedenkens abgespult werden kann wie in dieser Woche, wird sich wohl kaum jemand vorstellen wollen. Es geht also heute schon um die Jahre 2020 (75 Jahre) und 2045 (100 Jahre). Alle anderen Jahre dazwischen eignen sich kaum noch für größere Gedenk-Veranstaltungen, zumal die Zahl derer, die dieses Datum persönlich erlebt haben oder die mit diesem Datum von Kindheit an konfrontiert waren wie ich und damit noch einen persönlichen Bezug zu dem Geschehen haben, jährlich abnimmt. Rapide abnimmt. Die Bevölkerung der Stadt setzt sich überwiegend aus Zugezogenen zusammen und die Alterspyramide allein lässt erahnen, wie wenige sich dem Datum 1. März auf der Schiene der persönlichen Betroffenheit noch zu nähern in der Lage sind. Das alles hätte man aber auch vor dem 1. März 2010 bereits erkennen können oder müssen. Eine historische Einordnung des Datums hätte im Jahr 2010 schon erwartet werden dürfen statt der Fortsetzung hergebrachter Trauerrituale, in der sich die Offiziellen selbst nichts anderes beweisen als ihre eigene Wichtigkeit. Die Intervalle werden sich zwangsweise vergrößern, an denen eine Stadt sich darin ergehen kann, einem Ereignis wie dem 1. März 1945 mit Kranzniederlegung, Bläser-Musik und organisierter offizieller Betroffenheit zu begegnen. Denn eine allgemeine Betroffenheit kann von der öffentlichen Beteiligung an dem kommunalen Staatsakt am Bergfried am 1. März des Jahres 2010 kaum noch hergeleitet werden. Außer einigen Offiziellen von heute und ein paar mehr Offiziellen von gestern waren vielleicht einmal zwei oder drei Dutzend Bürgerinnen und Bürger anwesend, um der amtlichen Betroffenheit ihrer heutigen Oberen wenigstens einen Hauch von Begründung zu verschaffen. Die Beflissenheit des kultur-amtlichen kommunalen Protokollchefs dieses Staatsaktes jedenfalls reicht nicht aus, eine Wiederholung, an welchem runden Jahrestag auch immer, zu rechtfertigen. Der Kränze sind genug gelegt, der Schleifen sind genug gerichtet. Dagegen hat das Interesse an historischer Information überrascht, wenn man sich den Zuschauerandrang am Cineplex vor Augen führt. Das statistische Zahlenverhältnis ist überwältigend: 2.000 Filmbesucher zu höchstens 50 Kranzniederlegern. Auf einen Kranzniederleger kamen demnach 40 Film-Zuschauer, wobei allerdings zu berücksichtigen wäre, dass der Film dreimal vorgeführt wurde, die Kranzniederlegung aber nur einmal stattfand. So lehrt dieser Tag im Jahr 2010 für mich dreierlei. Erstens: Die alten Gedenkrituale mit Kranzniederlegung und obligatorischer Politiker-Ansprache haben sich überlebt, die braucht niemand mehr außer ein paar Offiziellen, vor allem Offizielle von gestern. Warum die Offiziellen von heute noch einmal mitgemacht haben, werden sie alleine beantworten müssen. Zwingend notwendig war es nicht. Zweitens: Die Nachfrage nach Information über das Ereignis und die historische Einordnung ist – auch und vor allem unter jungen Leuten – erstaunlich hoch. Dem könnte in Zukunft verstärkt Rechnung getragen werden. Drittens: Gottesdienst und Requiem-Konzert gehör(t)en heute noch dazu, ob das aber in fünf, zehn oder 20 Jahren noch der Fall sein wird, darf jetzt schon bezweifelt werden, zumal auch die Zahl der Prediger, die das Geschehen noch selbst erlebt haben, endlich sein wird. Trotzdem: der 1. März kann dauerhaft ein Termin des Nachdenkens bleiben, wenn – endlich - statt der Betroffenheit über den 1. März die historische Einordnung des 1. März in den Mittelpunkt gerückt wird. Und dazu zählen dann viele Fragen, von denen die wichtigste, vielleicht auch die einzige lauten könnte: Warum hat es unter der jüdischen Bevölkerung der Stadt, die 1933 noch einen beachtlichen Prozentsatz ausmachte, am 1. März 1945 keine Todesopfer gegeben? Wo haben die Bruchsaler Juden den 1. März überlebt? Es gibt noch viel zu erforschen in der Geschichte Bruchsals der letzen 100 Jahre. Und es gibt ganz sicher noch den einen oder anderen Kranz, den niederzulegen sich im Sinne historischer Wahrheit lohnte. Vermutlich aber nicht am 1. März. Der 1. März ist ein weitaus komplexeres Datum als es überkommenen Politik-Ritualen zu überlassen. Bruchsal, 2. März 2010
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Kommentare
Gedanken zu einem Gedenktag
Vielleicht hat Rainer Kaufmann recht, daß man - zumindest über die Form des Gedenkags - neu reflektiert. Als solcher aber sollte er nicht angetastet werden, da im Laufe der kommenden Generationen nicht untergehen darf, was geschehen ist. Es wäre gut, wenn man an diesem Tag ganz allgemein der Opfer des Nazi-Terrors gedenken würde, zählen doch die Männer, Frauen und Kinder als Opfer des Bombenangriffs ebenso dazu wie die Bruchsaler Juden, die von den Nazis umgebracht wurden. Ich kann mir vorstellen, daß man es so macht wie die Amerikaner, die für ihre 50.000 Vietnamtoten eine Gedenktafel mit allen Namen dieser Toten errichtet haben. Warum keine Tafel mit allen Namen der Bruchsaler Juden, die Opfer des Terrors wurden und den Bruchsalern, die am 1. März umgekommen sind? Es waren ja alle Bruchsaler Bürger. Dazu noch die Namen der im Krieg umgekommenen Bruchsaler Soldaten, die ja ebenfalls Opfer dieses Regimes waren. Sie wurden verführt, getäuscht, eingezogen und in einem sinnlossen Krieg verheizt. Das wäre ein würdiges Mahnmal gegen gegen den Naziterror und gegen Krieg und Gewalt in jeglicher Form. Darüberhinaus sollte am jährlichen Glockengeläut festgehalten, und auch der Film sollte jährlich zum 1. März vorgeführt werden.
Noch eine Wiederholung mehr?
Leider konnte ich den Film nicht sehen würde dies aber sehr gerne nachholen.
Gibt es irgendwo irgendeine Möglichkeit dies zu tun (egal ob Kino, Download, TV, ...)?
Anschauen
Der Film wird in Kürze auf KraichgauTV gezeigt werden.
Darüber hinaus kann die DVD gekauft werden (EUR 12,95?) bei
Dirk Weiler, Franz-Sigel-Straße 101, 76646 Bruchsal.
Bruchsal Zerstörung
Meine Eltern, Mutter geb. 1910 + Vater,geb. 1915 , haben mir oft ( erastaunlicherweise ohne Groll - fast positiv ) von der Zerstörung erzählt. Man kann es sich wohl nicht vorstellen,wenn man es nicht selbst ( Gottseidank ) miterlebt hat. Meine Mutter hat mir von auf Kindsgröße verkohlten Leichen erzählt, die man nicht mehr erkennen konnte , von Angst und Hunger usw. und ich frage mich oft, wie diese Generation das alles verkraftet hat und trotzdem wieder lachen konnte ... Haben wir daraus gelernt >? Ich hoffe JA. Es geht nur nach vorne. Vielleicht gibt es das doch irgendwann, daß sich Menschen gegenseitig nicht mehr umbringen. Wäre das schön ! Jutta Meyer