Die Frau von Zastrow und ihr Pflegesohn, der Friseur Habitzreuther
Die Frau von Zastrow
Wenn sie Mama und mir auf der Straße entgegenkam, begegnete uns die personifizierte Armut. Frau von Zastrow ging vornübergebeugt am Stock und an der linken Hand führte sie ein kleines blasses Mädchen, ihre Enkelin. Frau von Zastrow war die Pflegemutter unseres Friseurs, der uns Kindern in regelmäßigen Zeitabständen unregelmäßig die Haare schnitt!
Die alte Frau freute sich immer, wenn ich ihr brav die Hand gab und einen Knicks machte. Sie trug stets ein lila Kapotthütchen und einen schäbigen grauen Tuchmantel, der nach Küchendunst, Knoblauchzehen und Mottenkugeln roch. An einem Abend erschien Frau von Zastrow unter der Haustür und wollte sich für irgend etwas bedanken. Frau von Zastrow nahm auf dem Küchenstuhl Platz und freute sich über ein Gläschen Likör und sie erzählte! Ich sah sie neugierig an, da sie so fremdländisch deutsch sprach und viel zu klagen hatte.
Sie kramte lange in einer abgetragenen schwarzen Handtasche und zog ein vergilbtes Foto heraus. Mama fand es sehr schön und gab es mir weiter. Aus dem Bild lächelten eine überglückliche Braut und ein schüchterner Bräutigam in eine verborgene Zukunft. Frau von Zastrow deutete auf die junge Frau und meinte: "Das war ich." Ich war erschlagen. Mit meinen acht Jahren konnte ich solch einen Wandel eines Gesichtes noch nicht erfassen! Diese Pfirsichhaut, die feinen Brauen, die schönen Augen, der hübsch geschwungene Mund, das konnte unmöglich Frau von Zastrow sein!
Da saß sie nun, wie ein verschrumpelter gelblicher Apfel, kleinäugig und mit einem schmalen Faltenmund. Ich sah das Foto und ich sah Frau von Zastrow an. Diesen Anschauungsunterricht in Sekunden werde ich nie vergessen. Aus der Neugier wurde Furcht und aus der Furcht entstanden später viele Fragen. Fragen, die keine Theorie der Welt lösen konnte, sondern durch die Realität des Lebens beantwortet wurden.
Frau von Zastrow steckte das Bildnis wieder in die Tasche, nahm den Stock und mühte sich die Stufen hinunter.
Ich sah Frau von Sastrow noch viele Male auf der Straße, aber ich betrachtete sie mit anderen Augen. Mit den Augen eines Kindes, das eine strahlende Braut und eine gebrechliche alte Frau nicht in Einklang bringen konnte. Für ein Kind existiert die Gegenwart und leuchtet höchstens noch eine Zukunft. Die Vergangenheit liegt in einer Welt der Erinnerungen und Erinnerungen muss ein Mensch erst sammeln.
© Barbara Mitteis
Der Friseur Habitzreuther
Über den Friseur Habitzreuther schreibe ich nur kurz, weil er mir die Haare immer zu kurz schnitt. Er war eigentlich ein Herrenfriseur und dementsprechend zurechtgestutzt sah ich auch aus, wenn ich die Ladenstufen wieder herunter sprang. Herr Habitzreuther war der Pflegesohn von der Frau von Zastrow, er hatte das Aussehen des Schauspielers Ivan Desny und ein wenig vom Will Quadflieg.
Wenn ich kam, machte er keine Fisimatenten mit mir, band einen viel zu großen weißen Frisiermantel um den kleinen Kinderhals und schnipselte drauflos. Hätte er mir einen Kochtopf über den Schopf gestülpt und außen die restliche Haare abgesäbelt, wäre ich in noch kürzerer Zeit aus dem Frisierladen gekommen. Beim Schneiden hatte ich immer Angst um meine Ohren. Aber ein paar Millimeter vor dem Ohrläppchen machte die Schere mit dem Geklapper Halt und meine ganze Anspannung war umsonst.
Hin und wieder schickte mich Herr Habitzreuther wieder nach Hause, das war dann, wenn zu viele Männer ihre Haare los werden wollten. Manchmal saß ich auch auf meinem Wartestuhl und staunte über die Sahneberge auf den Kinnläden. Mit großer Geschicklichkeit fuhr der Friseur über die Gesichtshälften und streifte den Schaum vom Rasiermesser ab. Ich war immer froh, wenn die Reihe an mir war, denn ich brauchte nur meinen Rundschnitt, mein Spängchen und meine Bewegungsfreiheit.
Jedesmal sah ich noch entsetzter in den Spiegel, aber der arme Spiegel konnte ja nur zeigen, was ich hergab. Mein Schopf lag auf dem Boden, und ein kreisrundes Gesicht schaute verschreckt zu seinem Vis-à-vis. Meine Brüder kamen genauso verunstaltet nach Hause wie ich, doch die Zeit ließ die Haare wieder wachsen, um dem Friseur erneut die Möglichkeit zu geben, unser Aussehen zu ruinieren.
Sein Töchterchen trug stets den neuesten Schnitt und brauchte kein albernes Spängchen. Seine zarte, zerbrechliche Frau lief immer mit einer nagelneuen Werbedauerwelle herum, und seine Mutter steckte die alten grauen Haare unter das Kapotthütchen. Herr Habitzreuther war aber immer sehr freundlich, bürstete die Haare vom Kleidchen und rasierte mit dem elektrischen Apparat die letzten alleinstehenden Härchen vom Nacken. Irgendwann gingen meine Beine nicht mehr zu ihm, das war dann, als meine ersten kleinen Eitelkeiten kamen.
© Barbara Mitteis
Beliebte Inhalte
Heute:
Twitter Updates
Wirtschaft
Wer ist online
Veranstaltungen: Aktuelle Termine
-
Donnerstag, 9. Februar 2012 - 19:30
-
Donnerstag, 9. Februar 2012 - 20:00 - 22:30
-
Freitag, 10. Februar 2012 - 17:00 - 21:30
-
Freitag, 10. Februar 2012 - 20:00 - 22:00
-
Samstag, 11. Februar 2012 - 16:00
BRUCHSAL.ORG abonnieren
Benutzeranmeldung
Neue Mitglieder
- Edmund Geckler
- Walter M.
- AWO Bruchsal
- Jörg Rupp
- Steffen Schöps






Neueste Kommentare
vor 2 Tage 14 Stunden
vor 3 Tage 17 Stunden
vor 3 Tage 17 Stunden
vor 3 Tage 17 Stunden
vor 3 Tage 20 Stunden
vor 4 Tage 47 Minuten
vor 4 Tage 2 Stunden
vor 4 Tage 13 Stunden
vor 4 Tage 14 Stunden
vor 4 Tage 19 Stunden