Die Frau Gilg
In der Nähe des Schlachthofes gab es eine Seifensiederei Gilg-Schmied. Die Familie Gilg war verwandt mit dem Bruchsaler Kunstmaler Karl Geitz.
Die Frau Gilg
Frau Gilg stand in einem winzigen Lädelchen mitten in Seifenstückchen, Waschpulver und Bienenhonigkerzen und hinter einer großen dunklen Holztheke. Sie hatte ein kleines, rundes Gesichtchen mit lustigen braunen Augen und knallroten Bäckchen und trug keinen Haarknoten, sondern einen winzigen Haarüberschlag mit einem kleinen Hornkamm. Sie war klein und schmal und immer guter Laune, obwohl sie viele Sorgen hatte. Frau Gilg war eine tapfere Kriegerwitwe und kümmerte sich um einen Neffen, der ein arger Lausbub war.
Ihr Laden lag in der Kernstadt, und die Besitzerin freute sich über jedes Stückchen Kernseife, das sie verkaufen konnte. Immer wenn ich das Geschäft betrat, atmete ich die vielen Düfte bewusst ein, und die sonderbare Mischung von Waschpulver, Honigkerzen, Puder und Mottenkugeln hatten auf mich eine eigene Wirkung.
Zwischen all der Reinlichkeit und Behaglichkeit standen kleine Erzgebirgfigürchen und Spieldöschen, und in der Weihnachtszeit verkaufte Frau Gilg noch Wunderkerzen für den Tannenbaum und schillernd bunte, goldene und silberne Christbaumkugeln und die dazu passenden Baumspitzen.
Es war jederzeit ein Erlebnis bei Frau Gilg einzukaufen, und wenn Mama müde war, bot die gute Frau einen Stuhl zum Sitzen an. Dann erzählte die Seifenfrau ihre Nöte und Kümmernisse, und wenn ich auch manches nicht verstand, verstand ich doch, dass diese Frau berechtigte Sorgen hatte.
Während solcher Gespräche betrachtete ich all die kleinen Seifen-Entchen, das Badesalz in Gläsern und die Tubencremes, und erfreute mich an all den schönen und duftigen Dingen, die in altmodischen Regalen standen.
Gelegentlich schenkte mir Frau Gilg eine Seifenprobe, und die tat ich fein säuberlich zwischen meine Kindertaschentüchlein, bis die kleinen Seifen ihren Duft verschwendet hatten.
Manchmal musste ich alleine zu Frau Gilg und dann sollte ich die besagten Papyrusrollen holen. Ich genierte mich , wenn Leute im Laden standen, und ließ lieber alle Kunden und Kinder vor. Dabei war ich glücklich, dass die Zeiten besser wurden, und die verhassten Zeitungsquadrate nicht mehr an einem besagten Haken im WC hingen. Die ärmliche Zeit von damals ist heute kaum mehr vorstellbar. Und doch war eben jene Zeit so reich an Begegnungen, an echten zwischenmenschlichen Beziehungen, an kleinen wirksamen Begebenheiten, und irgendwie war die Welt noch sauberer, seelisch hygienischer als heute.
An Frau Gilg denke ich gerne zurück. Nicht nur wegen der kleinen Seifenstückchen, sondern weil sie immer ein kleines Stückchen von sich selbst gab!
© Barbara Mitteis
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