Das Feldkirchle
Alle Wege führen nach Rom und zwei Wege führten zum Feldkirchle, wollte man nicht gerade über die Stoppelfelder und Wiesen laufen. Die Gläubigen machten ihre Bittgänge und Flurprozessionen besonders in den Notzeiten bei sengender Hitze und beteten mit glutheißen Herzen um das tägliche Brot.
Umgeben von Ähren und Bäumen lag das Kirchlein in der schönsten Landschaft und wartete auf die Pilgerschar. Die frommen Leute glaubten rechtens an eine einmalige Pilgerwanderung auf Erden, und nicht an eine unglaubwürdige Seelenwanderung deren Da Capos unzählige Male herbeigerufen werden.
Manchmal lief ich mit zu dem kleinen Kirchlein, und dann stand ich mit den anderen Schulkindern draußen auf der Wiese und sang wie all die anderen die Antworten der Maiandacht-Litanei. Die Vögel zwitscherten in den Obstbäumen und machten andächtiger ihre Schnäbel auf als wir es taten.
Weiße Wölkchen spielten mit dem azurblauen Himmel, und hie und da kam eine graue Wolkenwand als Vorbote eines himmlischen Donnerwetters. Dann gingen bald zahllose Regenschirme über den Köpfen auf, und unsere Füße liefen in nassen Socken und Schuhen nach Hause.
Viel schöner, als die Pilgerungen mit der Kirchengemeinde, waren unsere Familienausflüge zu der lieblichen Kapelle. Die große Frömmigkeit blieb zwar auf der Strecke, aber wir liefen begeistert zu der kleinen Madonna, und ich durfte unterwegs Gänseblümchen pflücken und ich durfte in die Sonne blinzeln. Manchmal gab es aus der Thermosflasche Kaffee und aus dem Butterbrotpapier Hefezopf, und unser schön gedeckter Tisch war eine karierte Decke auf der Wiese. Die Bienchen summten ein Loblied Gottes, die Schnaken erinnerten uns, dass wir nicht im Paradiese waren, und die Mückenschwärme lehrten uns eigene Geduldsübungen zu machen. Erschöpft und müde kippte ich dann beinahe aus den kleinen Sandalen, wenn wir an unser heiliges Ziel kamen.
Bei den Prozessionen ging alles viel disziplinierter, und die Kinder folgten brav hinter den Ministranten dem Herrn Pfarrer, und so manch ein Kind, das sich sonst gerne auf der Straße prügelte und raufte, wurde auf dem Wege zwar kein Gassen- , aber ein Feld-und Wiesen-"Engelchen".
Ich hielt nie viel von Prügel, und doch sorgte der liebe Gott dafür, dass ich ganz ordentlich meine Lebensprügel immer und pünktlich zur Zeit bekam.
Eine entfernte fromme Verwandte, der ich später öfters mein Prügelleid klagte, tröstete mich dann jedesmal auf besondere Weise, indem sie meinte: „Der Herrgott weiß schon, warum er dich straft. Du wirst es brauchen können". So fuhr ich gestärkt und getröstet nach Hause, um mich eines Tages nicht mehr stärken und trösten zu lassen. Ich brachte meine Sorgen vor den Altar, so wie ich als Kind meine Kümmernisse in das Feldkirchle trug.
Das winzige Gotteshaus stand grau und schäbig unter ein paar Schatten spendenden Bäumen. Zwei Pfeiler hielten den kleinen Eingang, und rechts und links vor der alten Türe waren zwei unbequeme Holzsitzbänkchen. Ringsum bog sich das Korn, als wollte es sich vor dem, der es wachsen und reifen ließ, verneigen. Eine eigene Stille ging von diesem Ort aus, und diese Ruhe ertrug ich lebhaftes und unruhiges Kind in sonderbarer Weise. In der Kapelle waren nur zwei oder drei Bänke und vor der ersten Bank stand eine Madonna und diese hielt ihr Jesuskind den Pilgern entgegen. Mit großer Scheu und kleinem Glauben betete ich meine Ave, sah die Spinnweben am Fensterchen und betrachtete die abgebrannten Kerzen. Auf dem weißen Wachstuch lagen verblühte Blüten und Käferchen und Spinnchen und Fliegen und Mückchen sorgten nicht gerade für eine innige Andacht.
Fröhlich sprang ich mit den Brüdern ins Freie, denn an solchen Tagen waren sie netter und freundlicher zu mir, und dann sammelte ich Kieselsteine und pflückte lange Gräser und eröffnete vor dem Kirchlein eine Verkaufsbude. Das Gras war Lauch, der Frauenmantel Salat, der Klee ein Radieschen und der Kies das Zahlungsmittel.
Im Herbst sammelten wir Äpfel in die große Tasche und Mama machte zuhause Apfelkompott und Apfelgelee. Manchmal überraschte uns der Feldschütz, aber er war sehr schnell freundlich, wenn er die wurmstichigen Äpfel und unsere frischen Kindergesichter sah. Dann setzte er sich auf das eine Bänkchen und sprach vom Diebesgesindel, das in die Nüsse ging, und dass die Trauben in den Weinbergen nicht in Ruhe reifen konnten. Ich entsinne mich wohl, dass wir keinen einzigen Apfel vom Ast brechen durften und Mama erschien mir damals so hartnäckig, dass ich glaube, dass bei ihr Adam im Paradies nicht wegen eines Apfels, aber wegen anderer Dinge seine Schwierigkeit gehabt hätte. Ihre Verbote waren eiserner als die steinernen Gesetzestafeln.
Das Feldkirchle lebt fort in meiner Erinnerung. Es schaffte wohl in meinem Unterbewusstsein Raum für die heiligen Dinge. Ich musste und wusste mich in den Gotteshäusern zu betragen. Tiefe Ehrfurcht und Achtung vor allem Geweihten prägten mich und meine Umgebung. Ich erlebte in kindlicher Einfalt die Erhabenheit und die Größe Gottes. Seine Majestät zeigte sich in so großer Vielfalt, dass ich staunen lernte. Aus jenem Staunen erwuchs mit den Jahren der Drang zur Anbetung und zur Liebe. Irgendwann einmal wusste ich, dass zuerst der Schöpfer und dann das Geschöpf kommen muss.
Ich wollte Gott dienen auf meine Weise. Leise und unscheinbar. Mein Platz ist am Herd und am Kochtopf, im Arbeitszimmer und an der Schreibmaschine, im Wohnzimmer, in der Natur an der Seite meines Mannes. Ich möchte dem barmherzigen Gott aus innigem und warmem Herzen danken, dass ER mir in meiner Schwäche und in meinen Schmerzen die Kraft gab, meine Erinnerungen niederschreiben zu dürfen. Ich werde sie einmal mit mir nehmen, und doch lasse ich alle Eindrücke und Seelenbewegungen da, in allen meinen Büchern. Das Feldkirchlein wird noch stehen, wenn über mich Gras gewachsen ist. Die Blumen werden blühen, die Äpfel werden reifen, die Sonne wird brennen, die Wolken werden ziehen, die Trauben werden golden, die Nüsse werden fallen, die Prozessionen werden wieder ziehen und der azurblaue Himmel wird seinen Segen geben. Vielleicht darf ich dann zwei Wölkchen auseinander schieben und auf diese kleine stille Welt schauen und sagen: "Dort unten war ich ein Kind, und dieses Kindsein Gottes habe ich immer behalten."
© Barbara Mitteis
Das Bruchsaler Feldkirchle
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Kommentare
Feldkirchle..
Die Beschreibung von Frau Mitteis trifft noch heute genau den Punkt, nach so vielen Jahren. Es hat sich nichts verändert, immer noch liegt das Feldkirchlein "inmitten der schönsten Landschaft, umgeben von Ähren und Bäumen", und immer noch geht eine "eigene Stille von dem Ort aus". Die Spinnweben vor dem Fenster sind auch noch da sowie die abgebrannten Kerzen und verblühten Blumen. Der Ort scheint zeitlos zu sein. Ich wandere mit meinem Hund ein oder zweimal in der Woche zum Feldkirchle hinaus und kann den Pfarrer Kunz durchaus verstehen, der dort beerdigt sein wollte. Einen Bericht über das Feldkirchle habe ich ebenfalls schreiben wollen, den hat nun Frau Mitteis geliefert, besser, als ich das könnte, weshalb mir nur noch übrig bleibt, ihren Bericht durch ein paar weitere Photos zu ergänzen:
Hinweisschild am neuen Kreisel
Der Weg zum Feldkirchle
Station I - Weissagung Simeons
Station II - Flucht nach Ägypten
Station III Der 12jährige Jesus im Tempel
Station IV - Maria am Kreuzweg
Station V - Feldkirchle - Maria unter dem Kreuz
Eingangstür Feldkirchle
Rückwärtige Perspektive
Harmonische Proportionen
Kreuz neben dem Feldkirchle
Station VI - Pieta
Station VI
Station VII - Grablegung Jesu
Gedenktafel an Pfarrer Kunz unterhalb der Station IV
Der Himmel über dem Feldkirchle...
Feldkirchle und Umgebung
Den Beiträgen kann ich nur beipflichten und mich hier bei all denen bedanken, die in den vergangenen Jahren das Feldkirchle samt Umgebung immer wieder gepflegt und in Ordnung gehalten haben.
Einen großen Wunsch - nicht nur von mir, wie ich inzwischen mehrfach gehört habe - möchte ich hier einmal anbringen: Wäre es nicht schön, wenn man die alte Aussicht Richtung Bruchsal und ins Rheintal wieder "eröffnen" könnte?
So schön der schattenspendende Baumbestand an heißen Sommertagen ist - einge der alten Robinien (die dort eigentlich auch nicht hingehören) sollte man jetzt doch langsam entnehmen und durch kleinere, standorttypische Bäume ersetzen.
Wie gesagt - vielen Dank für die Pflege der vergangenen Jahre und nur eine kleine Anregung. Der Kapelle tät's auch in mehrfacher Hinsicht gut...
Ja richtig...
...die Kapelle käme viel besser zur Geltung. Früher hat man sie schon von weitem gesehen.
Nachmittagsanblick
Ich war gerade da oben und habe mir die Umgebung wieder mal angeschaut. In der Tat sehr schön und für unsere Gegend auch ruhig.
Aber wirklich bisschen zugewachsen.
Wer macht im Winter mit bei einer Holzaktion...?
Übrigens - wem gehören eigentlich die Grundstücke da um die Kapelle? Der Stadt? Der Stadtpfarrei? Der Gesamtkirchengemeinde und was es da noch so gibt?
Feldkirchle
Diese einfühlsame - aus tief gläubigem und einfühlsamen Herzen von Barbara Mitteis - entandene Beschreibung ist köstlich und wirkt in die Stille des Menschen, der den Begriff "Heimat" noch in sich tragen kann und darf.
Es ist viel mehr als die interssate Beschreibung eines Teiles unserer
schönen Heimat Bruchsal...
Die Darstellung in "kindhaftem Erleben" mag in die Richtung des Menschheitserlösers Jesu weisen, der doch zum Audruck brachte ...
lasset die Kinder(lein) zu mir kommen...
Barbara Mitteis ist ein leuchtender, warmer Stern in unserer rationalen,
nur noch vom - Zeitgeist... mit Kunstlicht - geprägtem Geschichtsepoche.
Danke!
RL