Eine interessante Frauengestalt in der Stadtgeschichte von Bruchsal: Babette Ihle

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Barbara Ihle = Babette Ihle = d Ihles-Bawett
Donnerstag, 22. April 2010 - 10:59

Erwähnt man den Namen Babette Ihle, so wissen vor allem ältere Bruchsaler noch zumindest, dass damit eine dichtende Obervorstädterin gemeint ist. Zum Wachhalten der heimatkundlichen Erinnerung an die Gemüsebäuerin, Marktfrau, Stadtverordnete und Poetin ist eine Gedenktafel in Bruchsals Württemberger Straße 106 an ihrem noch erhaltenen, uralten Wohnhäuschen angebracht.

Babette Ihle Gemälde

Die zierliche, stadtbekannte Frau, die zu Beginn des letzten Jahrhunderts sogar Zugang in der Männerdomäne Fastnacht zur Bütt - zumindest bei Damenfestlichkeiten - bekam, bezeichnet sich selber frank und frei als Gelegenheitsdichterin. Meist schrieb sie in gereimter Mundart. Meist Heiteres, manch Zeitkritisches und sogar Politisches oder Ernstes. Dabei erweist sie sich als wortgewandt, pfiffig bis frech, manchmal sogar etwas nachtragend. Oft sind ihre Reimgedichte ellenlang. So auch die umfangreiche „Auftragsarbeit" über die „Bolezeidiener" etwa, die zu deren Festivität „Weihnachtsfeier" entstand.

„Awer, hab i den Schutzmann gfrogt:
Was soll denn i do mache?"
Un zu de Antwort häb i grigt:
Mach halt Äbbes zum Lache!"

In üblicher Nachtarbeit erfolgte dann der Musenkuss beim Haustrunk Portugieserwein aus dem eigenen Weinberg der Familie. Tagsüber musste sie sich in Haus, Hof und Feld abrackern. Ohne Scheu und absolut „net uffs Maul gfalle" trug sie ihre Werke selber vor, auch die Verse über die bestechlichen, uniformierten Schluckspechte:

„I häb se noch all gut gekennt
Selle Feger, selle alde.
Die henn dienschtlich so gedreilich
All mitnanner zammeghalde."

Später lobt sie jedoch die Nachsichtigen und tadelt die gestrengen, „neuen" Ordnungshüter. Mit denen hatte sie wohl selbst bisweilen kleinere Probleme. Erhalten blieb diese Abhandlung „Äbbes vun de friehere Bolezeidiener un vun de heidiche Schdaatsbolezei", wenn auch nur in späterer, in der Schreibweise wohl leicht veränderter Schreibmaschinenfassung. Scharfzüngig überliefert sie darin allgemeines Gedankengut mit den Versen:

„Ma hat als gsagt, d' Hunnertmarikschei senn
Wie Bolezeidiener alle bloo.
Un wann ma oner brauche kennt,
Nod isch sicher koner doo."

Original Handschriftliches von de Ihles-Bawett ist zumeist die bessere Quelle. Einige Gedichte sind zumindest in Handschriftkopien vorhanden. Die Originale sind zur Zeit verschwunden. Zu gut 20 verschiedenen Themen, manchmal mit politischen Akzenten, sind ihre nächtlichen Werke erhalten geblieben. Jenes über ihren zwei mal wöchentlichen Arbeitsplatz bei der Stadtkirche beginnt schlicht „Am Brunnen mit den Röhren, da ist der Wochenmarkt ..." Mittwochs und am Samstag verkaufte sie dort jahrzehntelang selbstangebaute landwirtschaftliche Produkte, Gemüse, Salat und Früchte.

Ihre recht zeitkritischen, umfangreichen Gedichte „Frieher un heit" und „Wie's de Rosl em Diene gange isch" sind ihre bekanntesten „Dialekt-Werke". Sie hat sie selbst verlegt. In Faksimile-Drucken sind sie auch heute noch erhältlich.

Grabstein Ihle

Daher bezeichnet sie auch ihr Grabstein am Mittelweg hinter der Peterskirche zu recht als „beliebte Heimat- und Mundartdichterin". Das Zeitkolorit in ihren Texten lässt uns heute noch schmunzeln oder auch gänsehäutig leicht schaudern und nachdenklich werden. Aber von wegen „gute, alte Zeit"!

Umso erstaunlicher ist, dass ihre zweifellos bedeutendste schriftliche Hinterlassenschaft, in Prosa und Schriftdeutsch abgefasst, nahezu unbekannt ist: „Gunda - Eine wahre Familiengeschichte". Das in akkurater Sütterlin-Handschrift mit Stahlfeder und Tinte aufgeschriebene Gunda-Manuskript ist es wert, öffentlich gemacht zu werden, weil diese „Familiengeschichte" zugleich ein bedeutsames, zeitgeschichtliches Dokument ist. Aus gut 40 Seiten ist unschwer zu erkennen, dass diese Gunda sie selbst ist, die einfache Frau aus armen Obervorstadt- verhältnissen. Stationen und Ereignisse ihres eigenen arbeitsamen, entbehrungsreichen und von Schicksalsschlägen geprägten Lebens (18. September 1871 bis 5. April 1943) sind beschrieben. Schlaglichter aus Kinderzeit, Schulzeit, Brautzeit und mühevollen Arbeitsjahren, wo Not, auch Tod und seelisches Elend zu überwinden waren. Sie war mit der Familie verheiratet, fand aber im Gebet, weltlichem und Kirchengesang sowie dem Dichten die notwendige Alternativen zur täglichen Mühsal.

Bei Festlichkeiten wie Hochzeiten oder runden Geburtstagen waren Babettes Gedichte samt persönlichem Vortrag gefragt. Ein Teil davon hat sich, wie gesagt, erhalten. Sie erhielt dafür auch manchmal etwas Bargeld, dem immer knappsten Lebensstoff. Auch Zeitungsdrucke sind dabei, wenn auch offensichtlich stark redigiert. Viel zum Schmunzeln und Lachen ist darunter. Aber das Leben hat nicht nur Amüsantes zu bieten. So bekennt Babette zum Schluss ihrer Kurzbiographie, dass drei Dinge sie durchs Leben getragen haben: das Gebet, die Arbeit und ihr Humor. Letzterer eben hat die ledig gebliebene Tochter, Ersatzmutter vieler Neffen und Nichten, Kleinbäuerin, Marktfrau und Reimeschmiedin in „Brusel" einst bekannt und beliebt gemacht.

Eine selbstbewusste Kostprobe von Eigenwerbung findet sich am Schluss des kaum enden wollenden Polizeigedichtes:

„So jetzt hab i ganz gwiss viel gsagt,
Ihr kennt eich nett beklare.
Un wer noch mehner wisse will,
Dem will i persenlich noch meh sare.
Awwer drin em Wochemarikt
Vazähl i noch e Gschichdl.
Un wer vun mir was kaafe dut,
Dem mach i e Gedichdl."

Ihle_Koralle

"So ischs worre" © Die Koralle

Das Bruchsaler Amateurtheater „Die Koralle" ehrte sie in einer eigenen Theaterproduktion, betitelt mit dem Originalzitat: „So ischs worre!" Die Produktion bediente sich weitgehend des in Brusler Mundart zurückübersetzen Gunda-Textes und versuchte eine Annäherung an die lebenstüchtige, fromme und fleißige Frau aus der „Owwervorschadt". Ihrem Andenken gewidmet war auch eine Folgeproduktion mit Babette-Gedichten und Informationen über die Heimatpoetin. Sie hat ihrer Zeit und ihrem Bruchsal und seinen Menschen ein so amüsantes wie lehrreiches Denkmal gesetzt. Sie selber hat noch keines bekommen.

Stefan Schuhmacher

 

Babette Ihle

Babette Ihle um 1900, im Alter von ca. 30 Jahren.

 

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Kommentare

Babette Ihle

Vielen Dank an BIG MAC FAN für diesen gehaltvollen, feinfühligen Bericht , der einen Menschen ins öffentliche Bewußtsein rückt, der es verdient hätte, entsprechend gewürdigt zu werden.

Wikipedia-Artikel

Hallo Herr Schuhmacher,

Ihr Wissen über die Bawett Ihle ist beeindruckend!

Hätten Sie nicht auch Lust den - sehr kurzen - Artikel in der deutschen Wikipedia etwas aufzubohren?

http://de.wikipedia.org/wiki/Babette_Ihle

Diesem täte Ihr Wissen wirklich gut.

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