Die ehemalige Synagoge in Bruchsal
In der Nacht vom 9. auf den 10. November 1938 gingen in zahlreichen deutschen Städten jüdische Gotteshäuser in Flammen auf. Auch in Bruchsal fanden sich fanatische Nationalsozialisten, die die Synagoge in der Friedrichstraße - am Standort des heutigen Feuerwehrhauses - schändeten und in Brand setzten. Die anschließende Vollzugsmeldung des SA-Standartenführers Ritter von Eberlein lautete nüchtern: „In den frühen Morgenstunden des 10. November 1938 zwischen 4.30 Uhr und 6.00 Uhr brannte die Synagoge in Bruchsal bis auf die Grundmauern nieder.“
Wie andernorts auch, war die Feuerwehr nur angehalten einen Übergriff der Flammen auf benachbarte Gebäude zu verhindern.
Dass in jener Nacht symbolhaft eine Jahrhunderte alte jüdische Tradition in Bruchsal, aber auch ein einzigartiges architektonisches Juwel ihr Ende fanden, dürfte den Brandstiftern wohl nicht bewusst gewesen sein. Selbst heute scheint die bauhistorische Bedeutung dieser Synagoge noch immer nicht in angebrachter Weise in unserem Bewusstsein verankert zu sein.
Ende des 19. Jahrhunderts erlangte die jüdische Gemeinde in Bruchsal eine Anzahl von über 700 Mitgliedern. Die Umsetzung eines dadurch notwendig gewordenen Synagogenneubaus wurde nach vorangegangenem Wettbewerb im Jahr 1889 an das Architektenbüro Henkenhaf und Ebert vergeben. Zwei Jahre später war diese fertiggestellt und wurde am 16 September 1881 feierlich eingeweiht.
Zeitgenossen lobten die Architektur und die äußere wie innere Ausgestaltung in den höchsten Tönen. In der Außenraumgestaltung fanden sich deutliche Anklänge an die Karlsruher Synagoge Josef Durms, dessen Schüler Friedrich Ebert war. Und doch übertrafen sie das Werk des Lehrers in der ästhetischen Anmutung der Fassade. Zentrales Element und Blickfang der Hauptansicht war ein dem Tempietto di Bramante nachempfundener halbrunder Vorbau, in dessen Innern folgerichtig das Allerheiligste, der Thoraschrein seinen Platz fand.
Doch noch weitere Besonderheiten weist dieser Entwurf auf. Durch den nach Osten, und somit zur Friedrichstraße hin orientierten Baukörper, wollte man die Besucher nicht über die rückwärtige westliche Seite in das Gebäude führen. So legte man die beiden Haupteingänge rechts und links des Tempiettos an. Die Zugänge zu den Frauenemporen führten über die seitlich gelegenen, abgesetzten Treppentürme. Die eher liberale Haltung der Bruchsaler jüdischen Gemeinde manifestierte sich auch darin, dass die Synagoge über eine Orgel und eine seitlich an einem der Hauptpfeiler gelegene Kanzel für den Vorbeter verfügte, wie man sie sonst nur in christlichen Gotteshäusern findet.
Zwischen 1926 und 1928 erfuhr die Synagoge eine umfassende Umgestaltung. Die Besucher betraten in der Folge über einen an der Westseite geschaffenen Anbau die Synagoge. Die seitliche, hölzerne Kanzel wurde zugunsten einer schmiedeeisernen auf der Estrade ersetzt. Diese war von Benno Elkan gestaltet, ebenso wie jene zwei kunstvollen Leuchter, welche sie flankierten.
Weiterhin entwarf Fritz Spannagel, Professor an der Badischen Landeskunstschule, vier hängende Beleuchtungsschalen aus Carrara-Marmor für den Innenraum.
Und schließlich erhielt die Synagoge auch eine neue Ausmalung. Der in Bruchsal geborene und damals in Ulm lebende Maler Leo Kahn konnte für diese Aufgabe gewonnen werden und erwarb sich mit der Umsetzung dieser Aufgabe großes Ansehen.
Erich Toeplitz schrieb denn auch in „Menorah - Jüdisches Familienblatt für Wissenschaft, Kunst und Literatur“, Ausgabe 09/1928:
„Größere Gemeinden könnten sich an Bruchsal ein Vorbild nehmen, gerade für die Synagogen die bedeutendsten jüdischen Künstler der Zeit zu berufen.“
Die schrecklichen Vorgänge der nachfolgenden Jahre sind uns allen bekannt und führten auch in Bruchsal zu Verfolgung und Deportation der jüdischen Mitbürger und der blindwütigen Vernichtung der Synagoge.
Im September 1939 erwarb die Stadt das Grundstück für 8.500 Mark und ließ das ausgebrannte Gemäuer sprengen. Anfang der 1950er Jahre ging das Synagogengrundstück durch einen Vertrag mit der „Jewish Restitution Successor Organisation" rechtmäßig in den Besitz der Stadt Bruchsal über. 1966 wurde an dem nunmehr errichteten Feuerwehrhaus eine Gedenktafel zur Erinnerung an die zerstörte Synagoge angebracht. Im Jahr 2000 wurde diese wiederum durch eine neue, von Schülern des St. Paulusheim gestaltete Tafel ersetzt.
Leider gibt es neben einigen Schwarz-Weiß-Fotografien und ein paar schriftlichen Überlieferungen nur sehr wenige erhaltene Zeugnisse. Dennoch darf man bisher mindestens zwei ernsthafte Versuche registrieren die Bruchsaler Synagoge dem Vergessen zu entreißen und angemessen zu würdigen.
Zunächst wäre die Kunsthistorikerin Dagmar Hartmann zu nennen, welche im Jahr 1998 ihre Dissertation über die Architekten Henkenhaf und Ebert verfasst hatte. In diesem Zusammenhang recherchierte sie auch eingehend die Faktenlage zur Bruchsaler Synagoge, was schließlich in die Rekonstruktion der Baupläne und einen eigenständigen Fachaufsatz über dieses Gebäude mündete. Diese Arbeit soll im kommenden Jahr, also im 130sten nach Einweihung der Synagoge erscheinen.
Im Jahr 2000 stellte sich eine Klasse des St. Paulusheimes, unter Leitung ihres Lehrers Reiner Oberbeck der Aufgabe aufgrund der rekonstruierten Pläne von Frau Dr. Hartmann ein Modell der Synagoge im Maßstab 1:40 zu gestalten. Eine Dokumentation dieses preisgekrönten Projektes wurde anschließend als CD-Produktion veröffentlicht und ist in der Bruchsaler Stadtbibliothek noch in drei Exemplaren präsent. Das Modell selbst befindet sich heute im Archiv des Stadtmuseums.
Auf diesen Vorleistungen aufbauend soll nun begonnen werden eine digitale Rekonstruktion der Synagoge zu wagen. Doch dazu bald mehr...
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Kommentare
Danke für diesen Beitrag! Ein
Danke für diesen Beitrag!
Ein wunderschönes Gebäude (von dem ich vorher noch nie Bilder gesehen hatte).
Es macht einfach nur betroffen, welche Verbrechen in diesem Zusammenhang geschehen sind...
Dort ein Feuerwehrhaus zu errichten, das ist an Zynismus eigentlich nicht zu überbieten...
Synagoge wird Feuerwehrhaus
Ja, darüber ist schon mancher gestolpert.
Schauen Sie mal hier, Frau Morticia:
http://www.bruchsal.org/story/rohrbachtal-ii-steinbruch