Dunkler Fleck in der Geschichte der Frauen Bruchsals

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Gertrud Gilg - „eine der Hauptstützen des Nazi-Regimes in Bruchsal“
Mittwoch, 25. April 2012 - 12:02

Vor einiger Zeit erschien ein Artikel mit Bild in der Bruchsaler Rundschau über Frau Gertrud Gilg aus Bruchsal: „Eine der Hauptstützen des Nazi-Regimes in Bruchsal“, leider ohne nennenswerte Aussagen zu ihrer Person und ihren Funktionen in der Nazi-Partei. Nachfolgender Artikel will einen Beitrag über diesen dunklen Fleck in der Geschichte der Frauen Bruchsals bringen. Über den Bruchsaler SA-Standartenführer, Ritter von Ebelein und Kreisleiter Epp fehlen meiner Meinung nach ebenfalls noch Ausarbeitungen über ihre Verbrechen in der Nazi-Zeit.

Seit 1921 war Frau Gertrud Gilg aus Bruchsal mit dem 20 Jahre älteren Rudolf Gilg, einem Alt-Nazi, (seit 1924 Mitglied der NSDAP) verheiratet. Sie selbst trat 1931 in die Nazi-Partei als Kreispropaganda-Leiterin und Schulungsleiterin im „Gau Baden“ ein. 1945 wurde sie zu zwei Jahren Arbeitslager mit Verlängerung um 90 Tage verurteilt. Von der Spruchkammer Karlsruhe wurde sie als „Belastete“ eingestuft. Erst 1950 bekam sie Strafmilderung. Danach war sie kurze Zeit Fabrikarbeiterin und dann eine biedere Geschäftsfrau, - Handel mit Kerzen und Wachs-Stöcken, Seifen etc. - in der Friedrichstraße in Bruchsal. Sie starb 1972 in Bruchsal.
Als führendes Mitglied der NS-Frauenschaft und Parteirednerin gewann sie zahlreiche weibliche Wähler und trug maßgeblich zum Aufstieg der NS-Diktatur in Bruchsal bei. Sie und die anderen Bruchsaler NS-Genossinnen versprachen der deutschen Frau, dass sie gesandt seien, um eine Besserstellung der deutschen Frau und ein mächtiges Deutschland aufzubauen. Zwei Monate nach der so genannten Machtergreifung der Nazis 1933 leitete sie den Boykott jüdischer Geschäfte in Bruchsal. In einer Schulungsstätte im Bruchsaler Schlossgarten unterstützte sie den Aufbau der Gauleiterschule für NS-Frauen, als eine Pflegestätte nationaler Gesinnung. Die NS-Frauen sollten zu „Käpferinnen“ ausgebildet werden.
In Wirklichkeit war diese Schulungsstätte ein Ort für Indoktrination und Manipulation der Frauen. Die Judenfrage, Rasse und NS-Weltanschauung sowie die Verhütung erbkranken Nachwuchses usw. waren die grundlegenden Referatsthemen zur Ausbildung von Pressereferentinnen. Frau Gertrud Gilg nahm ab 1937 den Posten als Gauschulungsleiterin ein und bereiste damit ganz Baden. Sie unterstützte die so genannten „Lebensbornheime“, die für die Freundinnen, Geliebten und Ehefrauen von SS-Männern und Wehrmachtsangehörigen eingerichtet waren um, gemäß ihrer Statuten, die Auslese eines nordisch-arischen Geschlechts zu fördern. Junge Menschen sollten zu „rassebewussten deutschen Frauen“ erzogen werden. Frauen, die nicht den rassistischen Vorstellungen entsprachen, wie z.B. Sintis und Romas, Mütter mit behinderten Kindern und Jüdinnen wurde von allen Wohlfahrtleistungen wie z.B. Säuglingspflege . Von Augenzeugen wurde berichtet, dass nach 1937 jüdische Bruch saler Mitbürger nicht mehr in den üblichen Geschäftszeiten das Notwendigste zum Leben einkaufen durften, sondern während der Nachmittagszeit, wenn der Laden geschlossen war, dort anklopfen mussten, um Einlass zu bekommen. Bevor der Laden wieder geöffnet wurde, musste eine „Putzfrau“ den Laden wieder säubern (Bericht der Tochter einer Putzfrau). Diese Anweisung kam von der NSDAP-Kreisleitung Bruchsal, der Frau Gilg angehörte. Frau Gilgs organisatorische erfolgreiche Aktivitäten in Wohlfahrtsbereichen und ihre Hitlerkontakte haben sich auch bei den Wahlen niedergeschlagen. So stellte der Bruchsaler Bürgermeister Professor Bläsi 1947 fest. „Frau Gilg war eine der Hauptstützen des Naziregimes in Bruchsal.“ Es war auch die Absicht von Frau Gilg die kirchlich gebundenen Frauen für die NS-Frauenziele zu gewinnen letztendlich verteilte sie sogar Broschüren des Erzbischofs Gröber, der selbst eine SS-Angehöriger war um die christlichen Frauen zu täuschen. Große Probleme hatte sie aber im Elsass mit der Umerziehung der dortigen Frauen, da diese den französischen Lebensstil bevorzugten.
Frau Gilg schwieg zum Synagogen-Brand und der Deportation unserer jüdischen Mitbürger in Bruchsal und ihr Antisemitismus entsprach voll der NS-Staatsideologie. Ein ständiges Tagesthema war für sie die Verleumdung der jüdischen Bevölkerung. Die als „Belastete“ eingestufte Frau Gilg hat, so die „Spruchkammer“ Karlsruhe, dem NS-Staat wertvolle Dienste geleistet und zur Wirksamkeit des Systems beigetragen. Nach Aussagen ihres Sohnes hat sie, durch ihren grenzenlosen Idealismus das wahre Wesen des NS-Staates nicht erkannt. Leider ist bisher ihre politische Arbeit für den Nazi-Staat immer noch nicht erforscht und im Einzelnen beschrieben worden.
Es wäre meines Erachtens an der Zeit, ähnlich wie die positiven Beispiele von Frauen in Bruchsal, dass man auch diese dunklen Seiten von Frauenaktivitäten in der NS-Zeit aufarbeitet. Nur wer die Vergangenheit kennt und sich nicht vor der Wahrheit drückt, kann die Gegenwart im Sinne einer humanen Gesellschaft gestalten. Den jungen Menschen muss man sagen, dass sie nicht verantwortlich sind für das, was geschah. Aber es ist wichtig, das nicht zu vergessen, damit so etwas nicht wieder geschieht.
Dieser Artikel bezieht sich hauptsächlich auf Forschungsergebnisse der Universität Karlsruhe: „Widerstand gegen den Nationalismus“, Führer der Provinz, NS-Biografien aus Baden-Württemberg

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Kommentare

Diskriminierende Fotos von Juden

Nach meiner Erinnerung hat der frühere Vorsitzende der Historischen Kommission der Stadt Bruchsal aus dem Nachlass von Frau Gilg Fotos ausgehändigt bekommen, die Bruchsaler Juden in diskriminierenden Situationen zeigen, u.a. beim Gehsteigputzen mit Zahnbürsten. Niemand weiß, wo diese Fotos verschollen sind. Das Stadtarchiv hat sie jedenfalls nicht. Und niemand weiß, wer diese Fotos gemacht hat. Was ich von Zeitzeugen aber weiß, ist, dass der stadtbekannte Kunstmaler Karl Geitz in der NS-Zeit Arier denunziert hat, die bei einem gegenüberliegenden jüdischen Geschäft eingekauft haben, indem er diese aus dem Schaufenster des Gilg`schen Geschäftes heraus fotografiert hat. Karl Geitz saß nach dem Krieg jahrelang in der Ehrenkutsche des Bruchsaler Sommertagszuges. Es gibt noch manches aufzuarbeiten.

Rainer Kaufmann

Frau Gilg

Bei allem Verständnis dafür, dass sich solch schreckliche Dinge nie und niemals wieder ereignen dürfen und dafür auch die Erinnerung daran bis zu einem gewissen Grad wach gehalten werden muss.....denkt einer der Herren vielleicht mal daran, dass Bruchsal eine Kleinstadt mit den entsprechenden Buschtrommeln ist und durch solche Artikel/Kommentare Familienangehörige der mittlerweile 2. oder 3. Generation betroffen sind, die mit dieser Frau und deren Taten nicht mehr das Geringste zu tun haben ????
Wäre ich ein solcher Nachkomme würde ich mich jetzt zutiefst verletzt und, sagen wir es mal vorsichtig, an den Pranger gestellt fühlen. Ist das fair oder vielleicht eher Wichtigmacherei ??? Menschen, die derart mit dem Finger auf andere zeigen, haben oft selbst sehr viel zu verstecken.....

Grenzwertig

@hundefan

Eine schwierige Abwägung, sicherlich und für Angehörige nicht immer verständlich. Aber sollte man die Fakten ignorieren? Und wenn, wo ist die rote Linie? Lange wurde ja die Aufarbeitung eher vernachlässigt. Manche sagen sogar: ungerechtfertigterweise und aus falschen Rücksichtnahmen.

Wo sicherlich aber die Grenze vordergründig gutgemeinter Aufklärung überschritten ist (und nicht nur beim letzten Kommentar vom 6.4.2012):

http://www.bruchsal.org/story/ein-original-aus-bruchsal-s-ad%C3%B6lfle-o...

Ich befürchte, dass Hundefan

Ich befürchte, dass Hundefan sich doch auf eine falsche Spur begeben hat. Er schreibt, dass "durch solche Artikel/Kommentare Familienangehörige der mittlerweile 2. oder 3. Generation betroffen sind, die mit dieser Frau und deren Taten nicht mehr das Geringste zu tun haben ????"

Wobei hier lediglich richtig ist, dass es Familienangehörige der Frau Gilg noch geben mag. Aber warum sollten diese betroffen sein? Haben sie ihre Vorfahrin bei deren schändlichem Tun unterstützt? Unterstützen sie heute mit Worten und/oder Taten deren politische, rassistische Einstellung? Falls nein, warum sind die Nachfahren dann betroffen?

Darf man nicht sagen, dass der CDU-Politiker und Ministerpräsident von Baden-Württember Hans Filbinger  ("der furchtbare Jurist") von 1937 bis 1945 Mitglied der NSDAP war und an Urteilen gegen Gegner des Hitlerregimes mitwirkte und mehrmals die Todesstrafe verhängte? Darf man das nicht sagen, weil er vielleicht Kinder und andere Verwandte hat die noch leben? Filbingers Sohn ist übrigens Grüner und gegen Stuttgart 21. Was haben die Verbrechen des Vaters mit dem Sohn zu tun? Wird, je nach Sichtweise, der Sohn durch die Verbrechen seines Vaters auf- oder abgewertet? Müssen sich die Nachfahren von Frau Gilg sich deren Verbrechen anrechnen lassen? Und wer tut das überhaupt oder beabsichtigt dies zu tun?

Dem, der sich ausführlicher mit den Verbrechen der Frau Gilg befassen möchte, sei dieses Buch empfohlen: Die Führer der Provinz: NS-Biographien aus Baden und Württemberg (Beiträge zur Geschichte des Nationalsozialismus). Erschienen im uvk-Verlag, ISBN 389669930X, nur noch antiquarisch erhältlich.

In dem Beitrag von Anette Miche: "'Alte Kämpferinnen' - Dora Horn-Zippelius und Gertrud Gilg, Propaganda- und Gauschulungsleiterinnen der NS-Frauenschaft in Baden", wird ausführlich über Frau Gilg berichtet.

P.S.: Sollte in Bruchsal ein Verkaufsverbot für dieses Buch ausgesprochen werden, weil durch solch ein Buch "Familienangehörige der mittlerweile 2. oder 3. Generation betroffen sind, die mit dieser Frau und deren Taten nicht mehr das Geringste zu tun haben ????"


Ich finde das jetzt auch

reichlich spät und unnötig, hier Namen zu nennen. Nach 1945 wurde die Aufarbeitung versäumt, teils war dies auch nicht erwünscht. Heute sind die meisten Betroffenen nicht mehr am Leben oder nicht mehr geistig fit - zu leiden haben also wie der Vorkommentator schon schreibt eher die Nachkommen, die nichts dafür können das passiert ist, was nicht hätte passieren dürfen.

Jetzt mit dem erhobenen Zeigefinger zu kommen.... diese Menschen haben damals schwere Fehler gemacht, vielleicht haben auch sie im geheimen gelitten, sind nach dem Krieg gemieden worden etc. pp. wer weiss das schon so genau?

Die namentliche Nennung finde ich nicht o. k.

Falsche Spur

Sorry Herr Schmitt......dass ich Ihrer Meinung nach auf der falschen Spur bin.
Liegt offensichtlich an meiner persönlichen Schwäche: Im Gegensatz zu der heute gängigen Lebenseinstellung neige ich zum "Fremdschämen" . Wäre ich ein Mitglied dieser Familie wäre ich wirklich extrem betroffen, OHNE mich jemals mit Gedanken oder Taten in die rechte Richtung auch nur ansatzweise beschäftigt zu haben. Und ob das wirklich immer wieder mit Namensnennung Not tut, wage ich (wie Gott sei Dank noch ein anderer Kommentator !) nach wie vor zu bezweifeln !

Limits?

Bei Personen des öffentlichen Lebens erscheint mir die Namensnennung gerechtfertigt.

Denn ob ein Gesinnungsethiker und SPD-Friedensaktivist als freiwilliges NSDAP-Mitglied Erhard E. oder Eppler heisst, der Friedensnobelpreisträger als SS-Mitglied ein Günter G. oder Grass ist, macht, wie auch Rolf Schmitt am Beispiel Filbingers darstellt, einen erheblichen Unterschied.

Sippenhaft gilt dabei aber eben nicht!

Ob nun Frau Gertrud G. oder Gilg richtig ist? Ich denke, wer Menschen aus freien Stücken in unerträglicher Weise denunziert hat, egal ob dies aus Verblendung, Habgier oder anderen Gelüsten geschah, muss sich die Namensnennung eventuell auch posthum gefallen lassen, selbst wenn dies zum Gehalt der Beschreibung der damaligen Verhältnisse sachlich vielleicht wenig beiträgt. Denn, da liegt "Hundefan" teilweise richtig, dass die Person Gilg statt G. hiess, erhellt die Aufarbeitung in diesem spezifischen Fall nur marginal. Das mag in manchen Fällen aber anders sein, so dass eine generelle Regel schwierig zu fassen ist.

Allgemein gilt in Deutschland ja ein relativ rigider Persönlichkeitsschutz, auch was die vollständige Namensnennung betrifft. Welche Dämme brechen, sollte man mit Persönlichkeitsschutz/-rechten laxer verfahren, das sieht man in den USA!

Gar nicht geht m. E. aber, wenngleich bei bruchsal.org über fast zwei Jahre genüßlich geschehen: Nabelbeschau und Aufgeilen an privaten Dramen einzelner Familien und Mitmenschen. Und das noch mit Namensnennung und der Auflistung des Privatlebens und Freizeitverhaltens lebender Personen! Das ist weit jenseits der roten Linie!

Auf diese Linie muss bruchsal.org achten!

Der Wunsch nach Vergessen

Der Wunsch nach Vergessen, auch und insbesondere der Täter - Frau Gilg war Täterin und tief in die Nazi-Machtstrukturen eingebunden. Sie war keine Mitläuferin! - ist wohl in vielen Kommunen präsent.

Gerhard Paul (geb. 1951), Didaktiker von der Universität Flensburg, nimmt ein Foto vom 31. März 1933 zum Anlass über den Wunsch nach Vergessen nachzudenken. In Flensburg hat ein „Aktionsausschuss zur Durchführung der Boykottbewegung der NSDAP“ in der Zeitung „Flensburger Nachrichten“ die Bevölkerung zum Boykott jüdischer Geschäfte in der Stadt aufgerufen. Bemerkenswert dabei, was der Autor mit „Erinnerungspolitik I, II und III“ bezeichnet: „Diese Fotografie wurde nun auf dem Papierabzug sehr behutsam und äußerst professionell, ja mit geradezu krimineller Energie retuschiert, so dass die Gesichter der drei SA- und SS-Leute... verändert wurden und dadurch nicht mehr identifizierbar waren...“. Die unkenntlich gemachten Personen waren Angehörige bekannter Flensburger Familien.

Aus einem Beitrag zum Thema von Prof. Dr. Gerhard Paul, in dem er erläutert, warum die Gesichter (wahrscheinlich vom Stadtarchivar, dessen Vater schon während der NS-Zeit das Stadtarchiv leitete) retuschiert wurden: "In einer Stadt wie Flensburg kannten sich die Angehörigen der bürgerlichen Eliten aus Justiz, Polizei und Kultur. Zum Teil bewohnten sie dieselben Stadtviertel, waren Gäste auf denselben Feiern oder einfach nur Nachbarn. In diesen engen sozialen Verpflichtungen galt es Rücksicht zu nehmen. Vergangenheitsbewältigung war hier kein abstraktes Pflichtritual, sondern immer mit konkreten Namen verknüpft. Und so überrascht es nicht, dass das Interesse an der Auseinandersetzung mit der lokalen NS-Vergangenheit in Flensburg noch weniger ausgeprägt war als anderswo, ja dass sich hier eine regelrechte Entsorgungsmentalität herausgebildet hatte, von der auch die örtlichen Historiker und die ehrenwerte Gesellschaft für Stadtgeschichte nicht ausgenommen war."

Ob dieser Satz nicht auch auf Bruchsal anwendbar ist?

1983 wurden später aufgefundene unretuschierten Aufnahmen der Boykottmaßnahme von 1933 durch einen privaten Arbeitskreis veröffentlicht. In seiner Rede wurde darauf hingewiesen, dass es ein Unterschied sei, "ob man die Geschichte des Nationalsozialismus im nationalen Rahmen betrachtet [...], wo man der Versuchung erliegen kann, in ihm ein mehr anonymes, mächtiges und böses Geschehen zu sehen" oder ob man "im örtlichen oder regionalen Rahmen mit der nationalsozialistischen Vergangenheit konfrontiert wird, mit der man u. U. selbst oder durch die eigene Familie verflochten sein kann."

Vielleicht steht in Bruchsal eine Diskussion an, die vor 30 Jahren in Flensburg bereits geführt wurde?

Zitat von Prof. Dr. Gerhard Paul aus: "Das Jahrhundert der Bilder, Band I: 1900 bis 1949" ISBN-10: 3525300115 ISBN-13: 978-3525300114

Der Thread beginnt mit dem

Der Thread beginnt mit dem Satz:

"Vor einiger Zeit erschien ein Artikel mit Bild in der Bruchsaler Rundschau über Frau Gertrud Gilg aus Bruchsal: „Eine der Hauptstützen des Nazi-Regimes in Bruchsal“".

Der Name erscheint also in einer Tageszeitung, insofern ist die Nanensnennung in bruchsal.org kein Tabubruch.

Wie ist dies nun mit Angehörigen, mit nachfolgenden Generationen? Leider ist bei uns noch alttestamentlicher Aberglaube in den Köpfen, dass die Sünden der Väter bis ins 3. und 4. Glied wirken, sonst könnte ja gar keiner auf die Idee kommen, die Nachfahren müßten sich schämen.

Dies ist genau so ein Unsinn, wie die Achtung vor sogenannten Adeligen, vor Grafen, Baronen und Prinzessinen, die es laut Gesetz in Deutschland gar nicht mehr gibt. Trotzdem genießen die Nachfahren von den Raubrittern heute noch (Be)achtung im Volk. Der Nachfolger des letzten deutschen Kaisers wird sogar noch mit Hoheit angesprochen, welch eine Dummheit.

Es ist richtig, wenn noch lebende Nazigrößen aus dem 3. Reich mit Namen benannt werden. Sobald aber die Person verstorben ist und sie keine Person des öffentlichen Lebens ist, sollten nur noch Historiker und Geschichtsforscher sich des Lebens der Person annehmen.

Soweit ich weiß ist es nicht üblich, Gerichtsverfahren über Verstorbene abzuhalten. Was während der Lebzeit nicht geahndet werden konnte, muß auch nach dem Tod unterbleiben. Die Ausrede, man muss darüber sprechen, damit das nie wieder passiert, lasse ich nicht gelten, denn nachweislich ist aus der Vergangenheit noch nie gelernt worden.

Ein Letztes. Jeder versetze sich in die damalige Zeit. Der, der glaubt, er wäre ganz ohne Schuld geblieben, belügt sich vielleicht selbst. Denn mitgemacht haben und mitgelaufen sind zig Millionen Deutsche.

 

(Un-)angemessen?

De mortuis nil nisi bene [dicendum].

»›Über Verstorbene nur wohlwollend [sprechen]‹ bzw. wörtl. ›Über Verstorbene nichts [sagen], es sei denn gut [gemeint]‹ - Auch wenn man über einen Toten etwas Abträgliches berichten muss, es geschehe nie anders als mit Wohlwollen. Andere, den Wortlaut des Lateinischen wörtlicher wiedergebende Übersetzung: ›Über die Toten nur auf gute = angemessene Weise [sprechen]‹, also sinngemäß: Wenn man über einen Toten nichts Gutes zu berichten weiß, dann soll man über ihn sprechen in einer Weise, die berücksichtigt, dass der Tote sich nicht mehr wehren kann - oder eben schweigen. Die verbreitete Übersetzung ›Über die Toten sage man nur Gutes‹ ist sprachlich falsch.«
(Quelle: Wikipedia, https://de.wikipedia.org/wiki/Liste_lateinischer_Phrasen/D#De, s.v. »De mortuis nil nisi bene [dicendum]«, Stand: 27.04.2012)

Bedenkt man, dass es sich bei besagter Dame mit hoher Wahrscheinlichkeit um dieselbe Person wie in dem Histörchen »Die Frau Gilg« (http://www.bruchsal.org/story/frau-gilg) von Barbara Mitteis handelt, so rechtfertigt mit Verlaub bereits die hierdurch offensichtlich werdende Janusköpfigkeit der Protagonistin, die sinnbildlich - dies sei hier gar nicht geleugnet - durchaus für die meisten von uns stehen mag, die Namensnennung. Ohne Namen wäre im einen Fall ein Monster, das mit konkreten lebenden oder verstorbenen Personen oder gar uns selbst nichts zu tun hat, im anderen Fall eine nette ältere Dame vor dem Hintergrund eines beschaulichen Provinzidylls - Böse und Gut, Schwarz und Weiß. Mit dem Namen steht hier ein Lehrstück über die Abgründe des menschlichen Wesens.

Histörchen

Eine umfassendere Aufarbeitung Nazi-Bruchsals und wer in dieser Zeit, selbst beim Zusammenbruch des Nazi-Regimes sowie noch kurz danach, Kriegsgewinnler war? Sicherlich keine abwegige Idee, denn manches schlummert dahin...!

Wer da wohl wen denunzierte und von 1933 bis sogar noch 1947 Vermögen umschreiben lies, konfiszierte und abschwatzte? Ein ökonomisches Lehrstück von Umverteilung in Krisenzeiten erster Klasse, das da z. B. in den Grundbüchern schlummert.

Dass sich manche Nachfahren darauf vermutlich bis heute noch gut betten (und dann sind auch Namen wichtig!), erfuhren wir ja vor einigen Wochen hier auf bruchsal.org. von Herrn Geckler.

http://www.bruchsal.org/story/sklavenhalter-karl-j%C3%A4ger-und-bundesve...

Allerdings haben Bruchsaler Historiker und Kritiker einen Einwand zum Artikel von Frau Mitteis über Frau G(ilg) vor zwei Jahren eben schlichtweg verschlafen, wie Herr Kretz nun indirekt moniert (Kommentare gab es damals wenigstens nicht). Wie nennt er es: ein Histörchen!

Interessanterweise kamen einige "Historiker" bei folgendem Histörchen-Thread (O-Ton Herr Kretz) unter der Nachsicht von Herrn Kretz und Herrn Schmitt gleich voll in die Gänge. Lag es daran, dass hier wenig Widerstand zu erwarten war und sich die sogenannte Volksseele ungestraft austoben konnte?.

http://www.bruchsal.org/story/ein-original-aus-bruchsal-s-ad%C3%B6lfle-o...

Das erste Buch,

das ich als junger Mann zu den Greueltaten des 1000jährigen Reichs gelesen habe war 1961: "Der gelbe Stern". Das letze Buch war: "Ich habe den Todesengel überlebt" von Eva Mozes Kor.

Wer sich mit den furchbaren Verbrechen des NS-Regimes  beschäftigt, braucht keine Namen von Bruchsaler Mittätern. Es ändert nichts, die Namen zu wissen, es ist aus meiner Sicht mehr Sensationsgier als wirkliches Erkennen.

Erkennen, wie furchtbar Menschen zu Menschen sind.

Heute ist es Frau Timoschenko, weswegen Herr Gauck den Besuch in der Ukraine absagt. Gehts noch? Alle anderen Menschen, denen es dort nicht besser geht als Frau Timoschenko, sind uns doch völlig egal? Wusste man nicht um die Machenschaften des Regimes, als man die EM dorthin vergeben hat? Kennt man Menschenrechte nur dann, wenn es sich um Prominente handelt?

Nein, es hat sich nicht viel geändert in den letzten hundert Jahren. Wir feiern mit den Chinesen eine tolle Olympiade, mit den Ukrainern eine völkerverbindende EM. Hauptsache der Sport begeistert uns. Merkt denn keiner, dass es genau so im dritten Reich war? Vor lauter Begeisterung nicht mehr sehen, was wirklich geschieht?

Das ist ein Grund zum Schämen. Kein Fremdschämen. Ich schäme mich, dass es noch immer so ist.

Filou irrt

Zitat filou: "Wer sich mit den furchbaren Verbrechen des NS-Regimes beschäftigt, braucht keine Namen von Bruchsaler Mittätern."
Ist das wirklich so einfach? Alles nur Sensationsgier?
Was ist Geschichte? Geschichte ist nichts anderes als Geschichtsschreibung. Nur das, was an Dokumenten und Wissen hinterlassen, wird einmal Geschichte sein. Alles, was an Wissen nicht irgendwie allgemein verfügbar gemacht wird, kann niemals Geschichte werden.
Als gut katholischem Nachkriegskind von Bruchsal hat man mir einen Erzbischof Gröber als Widerständler gegen die Nazis verkauft, nur weil er ganz am Ende des NS-Regimes eine Predigt gegen die Nazis, anscheinend eine flammende, in der Bruchsaler Stadtkirche gehalten hat. In der von Bruchsaler katholischen Zeitzeugen dieser Zeit im Auftrag der Historischen Kommission der 80-ziger Jahre und damit offiziell geschriebenen Geschichte der Stadt ist das auch so nachzulesen. Dass Gröber am Anfang der NS-Zeit ein glühender Verfechter der neuen Ordnung war, der sogar die Katholische Jugend in die Hitlerjugend integrieren wollte, steht dort nicht. Mir hat man es auch nicht gesagt.
In dieser mehr oder weniger "offiziellen" Geschichtsschreibung der Stadt Bruchsal ist auch nachzulesen, dass es in Bruchsal nur eine Handvoll Nazis gegeben hätte. Der überwiegende Rest war wohl Widerstand. In diesem Buch, der Autor ist der frühere katholische Stadtpfarrer Anton Heuchemer, dem man sogar eine Straße gewidmet hat, wird dafür der heldenhafte Widerstand einiger katholischer Jugendlicher von Bruchsal beschrieben, der so genannten Bruchsaler Gruppe. Die werden natürlich mit Namen genannt und nach ihnen sollten sogar einmal Straßen benannt werden!
Ist es jetzt Sensationsgier, wenn die mit der "Gnade der frühen Geburt" gesegneten, die entweder aus eigener Anschauung noch etwas zur Geschichtsschreibung beizutragen haben oder, weil sie nahe genug am Geschehen geboren wurden und deshalb noch Zeitzeugen-Berichte haben aufnehmen können, diese Informationen der Nachwelt zur Verfügung stellen? Fand Geschichte nur andernorts statt oder auch hier, vor unserer eigenen Haustür, d.h. der unserer Eltern und Großeltern?
Wer all diese Informationen, die er hat, unterdrückt, wer zum Beispiel die Fotos des jüdischen Untermenschen, die in Bruchsal gemacht wurden, beiseite schafft, statt sie der Nachwelt zu erhalten, der unterdrückt vorsätzlich Geschichte, weil er Geschichtsschreibung verhindert. Wer die Geschichte von der Frau Gilg kennt und sie nicht der Nachwelt zur Verfügung stellt, der verhindert vorsätzlich Gechichtsschreibung und macht sich damit der Geschichtsklitterung schuldig. In diesem Zusammenhang: Der Filmschnipsel von den letzten Juden, die Bruchsal verlassen mussten, damit die Stadt "judenfrei" war, wurde in den 80-ziger Jahren von der Stadtverwaltung lange Zeit unter Verschluss gehalten und konnte nur durch massiven politischenDruck der Öffentlichkeit zur Verfügung gestellt werden.
Geschichte wird von Menschen nicht nur geschrieben, sie wird auch von Menschen gestaltet. Das gilt für die große Geschichte wie auch für die kleine, die lokale. Diese Menschen, die Geschichte gestaltet haben, zu nennen, ist im positiven wie auch im negativen Falle - Bruchsaler Gruppe und Frau Gilg - nur richtig und notwendig, damit Geschichtsschreibung statt findet, die einmal Grundlage der Geschichte sein wird. Frau Gilg und Herr Geitz waren Personen, die sich selbst in die Öffentlichkeit ihrer Zeit gedrängt haben. Warum sollte man sie nicht nennen dürfen?
Rainer Kaufmann

Sie haben Recht

Sie haben Recht, Herr Kaufmann, geht es um Geschichtsschreibung müssen Namen genannt werden. Geht es um Dokumente der Geschichte, müssen sie öffentlich zugänglich sein für jeden, der sich dafür interessiert. Allerdings halte ich Zeitungsartikel nicht für Geschichtsschreibung, sondern um subjektive Auffassungen (Ausnahme vielleicht Dokumentationen). Aufklärung in Presseberichten funktioniert auch ohne volle Namensnennung.

Die Arbeiten von historischen Kommissionen halte ich für wichtig und richtig. Rechtzeitig Zeitzeugen zu befragen (subjektive Meinungen) und die Ergebnisse nieder zu legen ist wichtig. Jeder, der möchte, kann die Ergebnisse nachlesen. Aber, wenn über einzelne Ereignisse oder Personen daraus berichtet wird, was ja durchaus auch von Interesse ist, kann man auch mit der Abkürzung arbeiten (Frau Gertrud G. oder Pfarrer H.). Sie genügen nach meiner Ansicht völlig, wobei bei katholischen Pfarren die Namensnennung weniger problematisch ist, da ja keine benannten Nachkommen existieren (sollen).

Ich halte es für wesentlich wichtiger, den Lesern die Erkenntnis nahe zu bringen, wie schnell jeder von uns bereit sein könnte, schreckliche Dinge zu tun, als aufzuzeigen, welche Verbrechen einzelne begangen haben. Es waren nicht einzelne, wie Sie auch richtig feststellen, es waren derer viel zu viele. Für die damalige Zeit galt sicher der Satz im Besonderen: „Wer ohne Sünde sei werfe den ersten Stein“.

Die schuldhafte Verstrickung so vieler hat nach dem Ende des 3. Reichs auch die massive Aufklärung verhindert. Man hätte mehr als die Hälfte der Deutschen einsperren müssen. Und heute wollen wir uns zu Richtern erheben?
Wie schnell Menschen grausam werden können, zeigt das Milgram Experiment www.humanistische-aktion.de/milgram.htm.

Sie hinterfragen meinen Satz „…. es ist aus meiner Sicht mehr Sensationsgier als wirkliches Erkennen“ mit „Alles nur Sensationsgier?“. Nein, das war nicht meine Einlassung. Der nachfolgende Satz hätte dies erkennen lassen müssen. „Erkennen, wie furchtbar Menschen zu Menschen sind“.

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