In dubio pro reo
Am 17.07.2008, gegen 20.30 Uhr wurde ein Strassenbahnführer, der seinen Triebwagen im Bereich der Zollhallenstraße abgestellt hatte, auf einen jungen Mann im Bereich der dortigen Haltestelle aufmerksam, welcher andauernd in seine Richtung starrte und wohl "Schmiere" zu stehen schien.
Gleich darauf bemerkte er zwei weitere junge Männer, die sich auf der Rückseite seines Triebwagens aufhielten, aber gleich nach ihrer "Entdeckung" gemütlich über sämtliche Gleise in Richtung der Haltestelle marschierten. Jetzt sah auch er die Bescherung. Eine ca. 2 x 4 m große, silber-schwarz-blau -rote Schrift mit der Bezeichnung "SMEK" strahlte ihn von der Seite seines Triebwagens farbfrisch an, woraufhin er nun umgehend die Polizei verständigte.
Diese war auch ca. 3 min. nach dem Anruf an der Örtlichkeit und konnte die drei jungen Männer festnehmen. Alle drei jungen Tatverdächtigen gaben zunächst etwas unglaubwürdig an, nach Hause in Richtung Heidelberg zu wollen, konnten aber über den Grund ihres Aufenthaltes in Bruchsal keine plausible Antwort liefern. Sichtlich nervös schwiegen sich die drei Tatverdächtigen dann auf dem Polizeirevier beharrlich aus.
Nach Eintreffen der sachbearbeitenden Ermittlungsgruppe "Graffiti" der Bahnpolizei Mannheim-Ludwigshafen auf dem Polizeirevier Bruchsal, wurde schnell bekannt, dass es sich bei den Tatverdächtigen um keine "Unbekannten" der Sprüher-Szene handelte.
Alles weitere sollte reine Polizei- und Ermittlungsroutine sein, hatte man doch neben dem Geruch von frischer Farbe vor Ort, auch noch einen Sprühkopf, Einweghandschuhe sowie erhebliche Farbspritzer an der Kleidung der szenebekannten Sprüher festgestellt.
Bei der noch in derselben Nacht durchgeführten Wohnungsdurchsuchung wurden dann auch noch allerhand Sprayer-Utensilien und auch sog. Blackbooks, in welche der jeweilige Sprayer zuvor seine "Entwürfe" aufzeichnet, aufgefunden.
Jetzt war bekannt, sollte man tatsächlich die SMEK-Sprüher erwischt haben, dass hierdurch weitere ca. 120 Straftaten im Bereich der Sachbeschädigung aufgeklärt werden konnten.
Nachdem es bei der ersten Gerichtsverhandlung Mitte 2009 noch nicht zu einem Gerichtsurteil kam, wurde am 24.11.2009 nochmals verhandelt.
Neben 4 Zeugen wurde dieses Mal auch noch ein Gutachter des LKA Stuttgart bemüht, welcher nachweisen konnte, dass die Farben an der Straßenbahn mit den Farbspritzern an den Kleidungsstücken der beiden Tatverdächtigen übereinstimmten. Den beiden Tatverdächtigen? Es waren doch drei, oder? Ja, richtig! Jedoch erhielt der Dritte (Schmieresteher) bereits Monate zuvor seinen Freispruch.
Aber weiter im Thema. Insgesamt hätte man für die öffentliche Verhandlung auch Eintritt verlangen können, die Beiträge des auf Graffiti-spezialisierten Verteidigers aus Frankfurt wäre jeden Cent Wert gewesen und hätte jedem Laien-Theater aus der Vorstadt Konkurrenz gemacht.
Dieser Verteidiger war aber offensichtlich nicht nur in Graffiti spezialisiert, sondern vor allen Dingen darin, die Zeugen möglichst bei jedem gesprochenen Satz zu unterbrechen und jedes Wort auf die Goldwaage zu legen.
So wurde u.a. ausgiebig darüber diskutiert, ob die ersten am Tatort eingetroffenen Beamten ihren Einsatzwagen "abstellten" oder lediglich "kurz anhielten".
Es wurde an Kopien von Dokumenten gezweifelt, obwohl dem Gericht die Originale vorlagen. Auch wurde mehrmals angeprangert, dass Beweise und Vermerke fehlen würden, die aber nach intensiver Suche dann doch in den Akten auftauchten.
Selbst die Existenz der "beschädigten" Straßenbahn wurde angezweifelt, da zwischenzeitlich von zwei verschiedenen Triebwagennummern in den Berichten die Rede war (Anmerkung: Eine Straßenbahn = zwei Antriebe = zwei Nummern).
Und wie hätte es auch anders sein können, wurde auch das Gutachten des Sachverständigen des LKA (auf seinem Gebiet ein Experte und Doktor) angezweifelt.
Auch wurde angezweifelt, dass es sich überhaupt um eine Sachbeschädigung handelt, denn schließlich wurde nicht die Substanz beschädigt und das Erscheinungsbild nur minimal. Denn der Triebwagen verfügte über eine moderne "Lotusblütenlackierung" so dass die aufgesprühte Schrift für einen geringen Aufwand von nur 620 Euro entfernt werden konnte.
Auch brachte der Verteidiger hervor das "SMEK" bereits schon einmal von einem Sprayer im schwäbischen Nürtingen benutzt wurde. Und schlussendlich war ja auch schon einige Zeit vergangen, bis der Straßenbahnführer die jungen Männer sah, also konnte man nicht ausschließen, dass eventuell und vielleicht und womöglich doch ein anderer (Mr. X) in der Zwischenzeit gesprüht hatte und die Angeklagten lediglich zufällig und zur selben Zeit sich an der Tatörtlichkeit befanden.
Die "Show" verfehlte ihr Ziel nach 5-stündiger (!) Verhandlungszeit nicht, denn wenn man alles anzweifelt bewirkt dies beim Gegenüber Zweifel und wie heißt es dann so schön:"in dubio pro reo" (Im Zweifel für den Angeklagten).
Günstig Tanken
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Kommentare
in dubio pro reo
Na dann hoffen wir mal, daß die Sprayer das nächste mal das Auto des Anwalts und das des Richters lackieren. Ein weiterer Freispruch ist sicherlich gewiss. BRAVO !!!!!
Lackier"flächen"
... es müsste ja nicht gerade das Auto sein - ich denke da an eine Don Camillo-und-Peppone-Geschichte... wer erinnert sich noch? Aber da ist wohl die Generation vor der "Helden-Generation" gefragt - die non-natural-digitals, die noch so komische Dinger aus Papier mit seltsamen Zeichen drauf gelesen haben...