Dr. Rösler der Vorzeigeimmigrant?

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Geschrieben von Roberto J. De Lapuente
Sonntag, 25. Oktober 2009 - 19:01

De dicto

"Ein Waisenjunge aus den Wirren des Vietnam-Krieges wird Gesundheitsminister. Ein bekennender Schwuler wird Vize-Kanzler und Außenminister. Eine Frau aus dem Osten schafft als Kanzlerin die Wiederwahl. Eine Frau mit sieben Kindern bleibt Familienministerin. Und ein 67-jähriger Mann im Rollstuhl wird der wichtigste Finanzminister Europas.
Diese Lebensläufe sagen mehr über unser Land aus als unsere eigenen Vorurteile und die unserer Nachbarn. Deutschland ist ein weltoffenes Land, in dem es ein "Einwanderer" der ersten Generation mit 36 Jahren (!) zum Bundesminister bringen kann."

- BILD-Zeitung, Michael Backhaus am 25. Oktober 2009 -

Zum Gesagten sei angemerkt: "Bunte Republik" nennt man es also, wenn jemand, der mit schwarzen Koffern durch die Hinterzimmer dieses Landes rollte, ein obskures Verhältnis zu Geld an den nebligen Tag legte, zum Finanzminister nominiert wird. Die Buntheit des neuen Deutschland ist schwarz, tiefschwarz, nicht nur parteipolitisch mit gelben Stich, sondern eher schwarzkassig, schwarzkassierend. Das Vielerlei der Farben orientiert sich an abgegriffenen Oberflächlichkeiten, in einem solchem Ausmaß, dass selbst jener Kerl, der mit seinen schwarzen Gepäckstücken ihm untergebene Angestellte an seiner statt aufs Schafott vorschickte, zum rosa Farbtupfer werden kann. Man möchte der "bunten Republik" noch einen Charakter hinzufügen: den blinden Journalisten, der von Farben spricht, die er offenbar nie erblicken durfte. Kurzum, in diesem Land gibt es keine Begrenzungen, keine Barrieren, herrscht Barrierefreiheit. Schwule werden Außenminister, Berufsmütter Ministerin, Rollstuhlfahrer Kassenwart und Erblindete zu Dozenten der Farblehre; Deutschland ist demnach eine liberale und tolerante Gesellschaft, ein Eldorado des Gleichheitsgedankens.

Der Bodenlosigkeit dieser Botschaft wird die Krone aufgesetzt, wenn man auch noch Rösler als "Einwanderer der ersten Generation" präsentiert, der seinen bundesrepublikanischen Erfolgsweg beschritten habe. Da steht er dann auf einem verklärten Podest, wird den Einwanderern, den vielen integrationsmuffeligen Moslems, am Nasenring gezogen vor Augen geführt. Blickt auf Ihr Eigenbrötler, Ihr könntet Karriere machen, wenn Ihr nur endlich zu uns stoßen würdet! Dabei nimmt Philipp Rösler die Stelle eines Paradebeispiels ein, zumindest soll er als solches fungieren. In Vietnam geboren, kam er 1973 im Alter von neun Monaten nach Deutschland, wurde von einem Haushalt adoptiert, der mit vielem gesegnet war, nur mit Armut nicht. Er trägt einen deutschen Vor- und Zunamen, ist Inhaber einer deutschen Karriere und vertritt jene Spielart deutscher Liktorenbündelei, die man hierzulande smart als Liberalismus kennt. Einiges davon ist freilich nicht verwerflich. Verwerflich ist es aber, dass man Rösler nun heranzieht, um die "bunte Republik" auszurufen, in der die Gleichheit aller Menschen so weit gediehen ist, dass jedermann Ministerposten ergattern kann, wenn er nur ausreichend deutsch sein will. Denn Rösler ist kein Einwanderer, er ist Adoptivkind mit asiatischer Physiognomie, deswegen aber dennoch deutsch, so deutsch man eben sein kann, wuchs in sorglosen Verhältnissen auf, leistete ein Studium ab, wurde Arzt. Für Mehmet standen solche Optionen nicht offen.

Wenn aus Mehmet im zarten Säuglingsalter ein Manfred geworden wäre, aus Kemal Karl oder aus Ali Adolf, dann hätten sie womöglich ähnliche Sprünge vollzogen. Dann wären sie aber auch keine Einwanderer gewesen, sondern Kind einer deutschen Bürgersfamilie. Wer Rösler als Musterexemplar hervorhebt, der spricht sich im Stillen für genetische Konditionierungen aus, die sich am Rassischen ausrichten. Wenn man den angeblichen Einwanderer Rösler missbraucht, um zu erklären, dass er trotz vietnamesischer Wurzeln zum Minister aufgestiegen ist, dann beweihräuchert man nicht nur die liberale Gesinnung der Bundesrepublik, man betont damit auch die rassische Genetik, weil man die sozio-ökonomischen Vorteile, die Rösler in die Wiege gelegt bekam, schamlos ausblendet. Man tut großkotzig gönnerhaft; seht nur, selbst einen Asiaten schustern wir einen Posten zu, wenn er sich brav eingedeutscht hat! Und wehe den Menschen ausländischer Herkunft, die jetzt noch poltern und von Benachteiligung und Ausgrenzung sprechen. Dann holt man das Aushängeschild gelungener Integration aus der Schublade und fragt die Poltergeister, wie wohl ein Rösler erklärbar sei, wenn es hierzulande angeblich doch so ungerecht zugeht. Was man wieder einmal verschlucken wird, ist die Erkenntnis, dass aus Ali auch ein hohes Tier hätte werden können, wenn sein Vater kein unterbezahlter anatolischer Hilfsarbeiter, sondern ein deutscher Bürgersmann gewesen wäre.

Zynischer interpretiert: Rösler ist auf die richtige Weise eingewandert, die Alis und Mehmets nicht. Wer durchs Schaukelbettchen in die wohlige Kinderstube immigriert, steht nicht auf einer Ebene mit solchen, die durchs Straßenfegen und Maschinenreinigen versucht waren, in dieser Gesellschaft Fuß zu fassen.

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