Dokumentarfilm zum 1. März 1945: „Ein grauenhafter Tag liegt hinter uns"

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Eine Filmkritik von Rainer Kaufmann. Sein Resümee: Ein wohltuend sachlicher Film. Wertvoll und sehenswert.
Samstag, 27. Februar 2010 - 1:23

Am 1. März wird der Dokumentarfilm „Ein grauenhafter Tag liegt hinter uns" des Bruchsaler Dokumentarfilmers Dirk Weiler erstmals gezeigt. Rainer Kaufmann, selbst TV-Journalist und nicht ganz ohne beruflichen Bezug zur NS-Geschichte Bruchsals, hat den Film vorab gesehen. Hier seine Kritik für Bruchsal.org:

Warum wurde dieser Film nicht schon früher gedreht? Vermutlich, weil er so wohltuend zurückhaltend früher nicht hätte gedreht werden können. Und trotzdem so direkt. Und vermutlich, weil es erst eines Filmemachers der zweiten (oder gar dritten?) Nachkriegsgeneration bedurfte, der sich diesem Thema bei allem Engagement mit der notwendigen Distanz und historischen Abgeklärtheit nähern konnte wie Dirk Weiler. Auch, weil seine elf Zeitzeugen, die wenigen, die noch leben, erstaunlich abgeklärt und unaufgeregt berichteten. Und schließlich, weil die drei Sachverständigen - Rüdiger Lupp, Hubert Bläsi und Peter Huber - sich ebenfalls in einer Zurückhaltung äußerten und das Geschehen des 1. März mit der geforderten Nachdenklichkeit erklärten. Vor zehn oder 20 Jahren, als mit der Bruchsaler Obrigkeit und ihrer historischen Kommission noch um manche Einordnung der Geschehnisse in der NS-Zeit gerungen werden musste, hätte sich ein Film zum Thema 1. März niemals so unaufgeregt präsentieren können wie dieser jetzt. Er hätte es vermutlich auch mit anderen Protagonisten zu tun gehabt als heute.

Filmplakat 1. März 1945

Ein wohltuend sachlicher Film ohne Sprechblasen, kein überflüssiges Wort. Ein Film, dem es gut tut, dass er geflissentlich auf jede amtliche Betroffenheits-Rhetorik verzichtet, wie wir sie jahrelang am 1. März immer wieder anhören mussten. Ein Film, der seine dramaturgischen Mittel - Bilder, Musik, Schnitt, Kamera-Einstellungen, O-Ton-Montagen - sehr stilsicher einsetzt, vor allem ohne das bei Filmen dieses Genre immer wieder zu sehende Pathos. Und trotzdem ein Film, der einem von der ersten bis zur letzten Minute fesselt.

Ebenfalls ganz unaufgeregt und trotzdem enorm wichtig: Die historische Einordnung, gewissermaßen als Ouvertüre, will sagen die Vorgeschichte des 1. März, der ja nicht von ungefähr wie eine Naturkatastrophe über Bruchsal gekommen ist. Die wenigen Bild-Passagen von NAZI-Aufmärschen in der Stadt und vor dem Schloß oder von der Fahrradparade der siegreichen Frankreichkämpfer in der Kaiserstraße reichten aus, um die Frage von Schuld oder Unschuld erst gar nicht aufkommen zu lassen, die Frage nach dem warum, unabhängig davon, welche militärisch-historischen Erklärungen später gegeben wurden. Dass dem Angriff kaum eine militärische Logik zu Grunde lag, dass er keine kriegsentscheidende Aktion war und deshalb auch ebenso hätte unterlassen werden können, ist ebenso richtig wie die Aussage von Peter Huber: „Bruchsal war halt einfach einmal dran." Denn Bruchsal war halt auch Teil des Nazi-Terrors, der von Deutschland ausgehend ganz Europa Millionen von Toten brachte. Den Zeitzeugen vor dieser historischen Einordnung agieren zu lassen, macht den Film über die ohnehin wichtigen O-Töne wirklich wertvoll und sehenswert.

Eigene Bewertung: Keine Durchschnitt: 5 (3 Bewertungen)

Kommentare

Ein grauenhafter Tag....

Ich werde mir den Film auf jeden Fall anschauen, weil es ganz wichtig ist, die damaligen Vorgänge ganz unaufgeregt und ohne Pathos einordnen zu können.
Mit dem Fazit Rainer Kaufmanns aber kann ich mich nicht nicht anfreunden, denn das Verhalten der Alliierten wird - zumindest - billigend in Kauf genommen. Wir Deutschen sind ja schließlich selbst schuld (....die Naziaufmärsche reichen aus,"um die Frage von Schuld oder Unschuld erst gar nicht aufkommen zu lassen" und "denn Bruchsal war halt auch ein Teil des Nazi-Terrors, der..."). Das ist genau der "Zaunpfahl", mit dem auf einem eingedroschen wird, nennt man das Kind beim Namen, und ich scheue mich nicht, dies zu tun: Diese Angriffe waren völlig überflüssige Terrorangriffe und nach heutigem Verständnis Völkermord. Die Alliierten wußten das, hatten sie doch erkannt, daß die Vernichtung deutscher Städte nicht kriegsentscheidend war und, im Gegenteil, den Willen, diesen Bombenangriffen zu widerstehen, nur noch herausforderte. Es war bekannt, daß der Krieg bald enden würde und daß Bombardierungen somit völlig überflüssig waren. Es ging also allein um die "Bestrafung" der Zivilbevölkerung.
Man stelle sich vor, die Nato hätte den Irak auf ähnliche Weise plattgemacht.
Saddam war, zumindest von seiner Einstellung her und seinen Methoden, ein ähnliches Kaliber wie Adolf, und auch die Iraker haben ihm, man denke nur an den Krieg mit dem Iran, ihn ähnlicher Weise zugejubelt. Keiner kam, richtigerweise, jedoch auf die Idee, das Volk zu bestrafen. Die Frauen, Kinder und alten Leute, die in Bruchsal und anderswo gestorben sind, waren wohl kaum für den Naziterror verantwortlich zu machen - sie waren eher selbst Opfer dieses Terrors (vgl. auch Rainer Kaufmanns Buch über die Seilersbahn).
Darüberhinaus gibt es einen zivilisierten Grundsatz, nämlich Unrecht ist nicht mit Unrecht zu vergelten. Ich bleibe dabei: Die Bombardierung deutscher Städte war Unrecht (Terror), auch wenn mit dem "Zaunpfahl" auf mich eingedroschen wird. Übrigens: Diese Meinung habe ich auch gegenüber unseren Natoverbündeten während meiner Ausbildung in den USA vertreten, und nicht wenige US-Amerikaner haben mir recht gegeben - das sei zur Ehrenrettung unsererer Verbündeten gesagt.

Wann + wo wird "Ein grauenhafter Tag" gezeigt?

Hallo Waldemar,

wann + wo wird "Ein grauenhafter Tag" gezeigt?

Ich habe bisher nichts gesehen.

gruß reinhard

 

Termine am 1. März

Hallo Herr Spiegler,

ich bin mal so frei...

Gedenken am Montag, 1. März zum 65. Jahrestag der Kriegszerstörung von Bruchsal

Ab 13.50 Uhr: Läuten der Bruchsaler Kirchenglocken
14 Uhr: Erstaufführung des Dokumentarfilms „Ein grauenhafter Tag liegt hinter uns" im Cineplex
16 Uhr: Zweite Aufführung des Dokumentarfilms
18 Uhr: Öffentliche Kranzniederlegung durch Oberbürgermeisterin Cornelia Petzold-Schick am Bergfried
18.30 Uhr: Katholische Messe in der Stadtkirche
19.30 Uhr: Konzert in der Lutherkirche: Gabriel Fauré, Requiem op. 48
21 Uhr: Dritte Aufführung des Dokumentarfilms „Ein grauenhafter Tag ..."

Antwort von Jürgen Schoner

Vielen herzlichen Dank und ich werde mir das antun, so schmerzlich es auch war und bei manchen Mitmenschen noch ist.

gruß reinhard spiegler

 

 

bruchsal.org - Termine - Frage

Diese Dokumentation "ein grauenhafter Tag" ist unter Veranstaltungen nicht aufgelistet worden!

einfach vergessen?

Ich habe den Film gesehen und bin über die hier gezeigten Verwüstungen tief betroffen - einfach schrecklich.

reinhard spiegler

 

Überraschend großes Interesse

Das Interesse an diesem Film war offensichtlich ganz enorm. Ich selbst habe es erst um 22 Uhr in die kurzerhand zusätzlich organisierte Vorstellung geschafft.

Wie Frau Petzold-Schick erklärte, haben somit rund 2.300 Bruchsaler Bürger dieses Angebot wahrgenommen!

An dieser Stelle meinen Dank an alle Verantwortlichen.

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