Das Damianstor

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Freitag, 25. Juni 2010 - 18:14

Schloss Bruchsal 1945

Wie armselig stand in den Fünfziger Jahren das Bruchsaler Schloss da, allen Glanzes beraubt!

Wir waren damals alle arm. Noch heute höre ich die Sätze: "lösch' das Licht aus, es brennt sonst unnötig! Stell das Wasser ab, wenn du dir die Hände einseifst." Und wenn ich kleiner Wildfang abgekämpft vom Rennen und Spielen nach Hause kam, dann sagte Mama: "Hast du dich wieder verausgabt? Teil' deine kleinen Kräfte ein."

Ja, einteilen musste man damals schon! Der Haupttrakt des Schlosses sah übel aus. Die Fenster, die keine mehr waren, wurden mit Brettern verhauen und ein Schild mahnte die Nicht-Besucher:

Betreten verboten! Eigene Gefahr!

Als ich klein war, wusste ich noch nichts von einer familiären Bindung über meinen lieben Mann mit Balthasar Neumann. Er erzählte mir viel später, dass 1958 ein reicher Verwandter bei seiner armen Familie Besuch machte, ein Bankdirektor Neumann aus Frankfurt. Er brachte nichts mit, außer der Neuigkeit, dass er Ahnenforschung betrieben habe und den guten Balthasar unter den Vorfahren entdeckt habe. "Weißt du etwas Näheres?" forschte ich nach. "Wir waren zwei Buben und das imponierte uns nicht. Imposant wäre eine Schokoladentafel oder einen Groschen ins Sparschwein gewesen! Wenn man jung ist, dann interessiert halt nicht so sehr die Historik, eher die Geschichte mit den Süßigkeiten." Der reiche Verwandte verstarb bald daraufhin und nahm seine Genealogie mit ins Grab, mein Mann wurde reicher an Erfahrung.

Damianstor

Von allen Gebäuden der Barockoko-Residenz gefiel mir das Damianstor am besten. Durch diese engen Durchgänge liefen die Passanten und durch das große Tor quälten sich damals noch nicht die Autoschlangen. Hie und da kamen Lastwagen angebraust und ich entsinne mich auch noch gut, dass selten ein altmodischer Sanitätswagen seine Warnsignale einsetzte und wir Kinder erstaunt da standen, wissend, dass etwas Außergewöhnliches geschehen war. Ich lief häufig mit meiner Schultasche hindurch, trödelte von der Stadt heim, zog den Dackel an der Leine, der gleich links zur Schlossgartenstraße zu seinen geliebten Bäumen pressierte. Manchmal saß er alleine mitten auf der Fahrbahn des Damianstores, flohte sich und knurrte aussteigende Autofahrer an, bis Fußgänger sagten: "Bärbele, hol deinen Hund, der lässt keinen durch." Und dann knurrte ich mit ihm, hob ihn auf und trug den gewalttätigen Dackel heim.

Gleich rechts vom Damianstor, etwas zurückversetzt, stand das Jugendgefängnis und lief man Richtung Krankenhaus, in das man nicht hinein wollte und doch Besuche machte, stand rechterhand das berühmt berüchtigte Bruchsaler Gefängnis.

Gefängnis

Eine tolle Nachbarschaft zu den hochadeligen Gebäuden. Es hat wohl bis heute sein Aussehen, nicht sein Ansehen, unverändert bewahrt. Ich erinnere mich, dass ich manchmal bedrückten Herzens daran vorbei lief, weil ich viel Schlechtes von den Insassen hörte. Aber Mama sagte: "Weißt du, viele davon sind auch in etwas hineingeschlittert und in üble Gesellschaft gekommen, haben aber tief im Innern einen guten Kern." Mein kindliches Gemüt und mein kleines Mitleid regte sich deshalb sehr.

Das Damianstor!

Oft wandere ich mit meinen zurück gebliebenen Gedanken hindurch. Es steht noch am alten Fleck. Von Zeit und Geschichte geprägt, vom Autolärm unbeeindruckt, erzählend von vergangenem Uhrschlag, den kein Mensch der Welt aufhalten kann.

© Barbara Mitteis

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Kommentare

Damianstor

Es muss so ende der 60er gewesen sein, da sagte mein Vater das Damianstor soll abgerissen werden oder die Gebäude daneben evtl. sogar der Bären, damit der Verkehr besser durch das Nadelöhr fliesen konnte. Mein Vater damals schon ein historischer Aktivist kam dann auf den Gedanken, warum den Stadtauswärts fliesenden Verkehr nicht oben herum am Jugendknast vorbei zu leiten, machte eine Eingabe und der Abriss vom Damianstor war vom Tisch. Ob es nur seine oder auch die Eingabe von anderen war ist mir nicht bekannt.

 

Ich kann Ihn leider nicht mehr befragen.

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