Blendgranaten und Nebelkerzen

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Dienstag, 22. November 2011 - 19:39

Man kann sich nicht ganz des Eindruckes erwehren, dass der Lokalredakteur der Bruchsaler Rundschau, Daniel Streib, ein klein wenig Angst vor der eigenen Courage bekommen hat, nachdem er unter der Titelzeile „Was soll der Stress?“ am 12. November 2011 die Auseinandersetzung um Stuttgart 21 und die befürchtete Pendlerproblematik wie folgt kommentierte: „Naturgemäß bestreitet die Bahn die Darstellung der Grünen und weist darauf hin, dass in einer späteren Simulation mit den besagten IC-Zügen gerechnet worden sei. Leider hat das Unternehmen dafür bislang keinen Beleg erbracht. Im Gegensatz zum ersten Stresstest wurden zur Nachsimulation nämlich keine Fahrplandetails veröffentlicht. Die Bahn wird schon wissen warum.“ Eigentlich klare Worte zu einem – vermeintlich – unklaren Vorgang. 

Heute nun zieht Herr Streib eine Pressemitteilung des Landratsamtes vom 18. November 2011 aus seinem Fundus und zitiert daraus unter anderem: „Insbesondere die Nachsimulation des Stresstests zum Projekt S21 habe ergeben, dass zukünftig alle derzeitigen Verbindungen des Nah- und Fernverkehrs nach und von Bruchsal über den neuen Durchgangsbahnhof mit aufgenommen werden können.“ Weiter wird aus dieser Pressemitteilung zitiert, dass die Leistungsfähigkeit des Durchgangsbahnhofes nachgewiesen sei und daran das Zugangebot aus Bruchsal nicht scheitern würde. In der Pressemitteilung wird auch eine Optimierung des Nahverkehrs in Aussicht gestellt sowie eine weitere Flexibilisierung zwischen 7 und 9 Uhr. Landrat Schnaudigel lässt weiter schreiben, dass er sich nicht vorstellen könne, dass die neue Landesregierung nicht die notwendigen Züge bei der Deutschen Bahn bestelle und finanziere. 

Vielleicht sollte man aber, bevor man darüber streitet, ob der Pendlerverkehr von Bruchsal nach Stuttgart und zurück eingeschränkt wird, wieder zum Ausgangspunkt der Diskussion kommen. Ausgangspunkt ist, dass in der ersten Simulation der Leistungsfähigkeit des unterirdischen Bahnhofs tatsächlich nicht die derzeit im Fahrplan erfassten Züge aus Bruchsal simuliert wurden. Daher auch der Tadel der Landesregierung am Stresstest: „Das dem Stresstest zugrunde gelegte Fernverkehrsangebot zwischen Karlsruhe und Stuttgart ist aus Sicht der Landesregierung nicht ausreichend.“ Schnaudigel verweist jetzt auf die von der Deutschen Bahn durchgeführten Nachsimulation des Stresstestes zum Projekt S 21, nach der zukünftig alle derzeitigen Verbindungen des Nah- und Fernverkehrs nach und von Bruchsal über den neuen Durchgangsbahnhof mit aufgenommen werden können.“ Jetzt aber zwei große ABER: Aufgenommen KÖNNEN heißt nicht aufgenommen WERDEN und: Diese Nachsimulation durfte bisher von niemandem eingesehen werden, die Deutsche Bahn hat diese Nachsimulation nie veröffentlicht, unseren Politikern war es bisher genug, dass, wie Heribert Recht schreibt, ihm „überzeugend dargelegt“ wurde, „dass auch Bruchsal … von der 30-prozentigen Kapazitätssteigerung durch Stuttgart 21 profitieren werde.“ 

Außer Acht gelassen wird jedoch bei der ganzen Diskussion die eigentliche Problematik. In den Schlichtungsrunden wurde von Seiten der Gegner des unterirdischen Bahnhofs (die Neubaustrecke Stuttgart – Ulm wird nicht in Frage gestellt) problematisiert, ob der unterirdische Bahnhof überhaupt die von der Deutschen Bahn für die Spitzenzeit geplanten Züge verkrafte. So schreiben die Bahnhofsgegner, dass die unrealistisch modellierte Spitzenstunde in der Stresstest-Präsentation unter Heiner Geißler kritisiert wurde. In der Hauptverkehrszeit und dem Vorlauf fehlten 24 Züge gegenüber einem realitätsnahen Verlauf. Eine Korrektur würde nach Ansicht der Bahnhofsgegner rund 6,5 Züge weniger Bahnhofsleistung bedeuten. Stark kritisiert wird auch die Doppelbelegung der Gleise, das heißt, dass zur gleichen Zeit zwei Züge ein Gleis belegen. Letztendlich ist nach Ansicht der Gegner des unterirdischen Bahnhofs dieser von Seiten der Kapazität ausgereizt – eine Erweiterung wäre, da unterirdisch, nicht oder nur mit immensem Mitteleinsatz möglich. Die Befürworter des Kopfbahnhofes verweisen immer wieder darauf, dass dieser noch lange nicht an seiner Kapazitätsgrenze gekommen sei. 

Letzten Endes geht es also nicht darum, ob die Landesregierung Züge bestellt, es geht nicht darum, ob der unterirdische Bahnhof eine 30-prozentige Kapazitätssteigerung hat und es geht auch nicht darum, ob eine Beibehaltung des Zugangebotes zwischen Bruchsal und Stuttgart politisch gewollt ist, sondern es geht schlicht und einfach darum, ob der unterirdische Bahnhof, insbesondere in der Spitzenzeit von 7 bis 9 Uhr a) das derzeit bestehende Angebot überhaupt bewältigen kann und b) ob darüber hinaus noch weitere Verdichtungen im Zugangebot von Bruchsal nach Stuttgart und zurück aufgrund der befürchteten Kapazitätsengpässe des unterirdischen Bahnhofs überhaupt möglich sind. Machen wir uns nichts vor. Sollte die Befürchtung der Bahnhofsgegner zutreffen und der unterirdische Bahnhof heute schon seine Kapazitätsgrenze erreicht haben, sind all die schönen Worte unserer Politiker nur noch Makulatur. Frei nach dem Motto „nach uns die Sintflut“ sitzen diese in 15 Jahren in ihren Bungalows und genießen ihre Abgeordnetenpension. Unsere Kinder und Kindeskinder werden jedoch unter einer krassen Fehlentscheidung zu leiden haben. 

Vergegenwärtigen wir uns nochmals den Kommentar von Daniel Streib: „Im Gegensatz zum ersten Stresstest wurden zur Nachsimulation nämlich keine Fahrplandetails veröffentlicht. Die Bahn wird schon wissen warum.“

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