Bahnstadt als Chance?

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Informationsveranstaltung der Stadt Bruchsal
Samstag, 18. Februar 2012 - 17:06

Bahnstadt Bruchsal

Bahnstadt

Die Bruchsaler Verwaltung lud am Dienstag, den 14.02.2012 zur ersten offenen Informationsveranstaltung über die Bahnstadt ein. Auf der Bruchsaler Homepage wurde das Ereignis als “Erfolgreicher Auftakt für wichtigen Entscheidungsfindungsprozeß” gewürdigt (vgl. http://www.bruchsal.de/servlet/PB/menu/1409641_l1/index.html). Die Oberbürgermeisterin meinte, das “Konzept sei aufgegangen und die zielgruppenspezifische Ansprache gelungen”. Sie zeigte sich mit dem Ergebnis des Abends “zufrieden”. Zweckoptimismus halt.

Das kann man nämlich auch anders sehen, denn gerade mal 200 Interessierte wollten aus erster Hand erfahren, was es mit dem größten Bruchsaler Bauprojekt nach dem Krieg auf sich hat. Entweder interessiert sich die große Mehrheit nicht so sehr oder sie fügt sich resigniert und sagt sich, die da oben machen ja doch was sie wollen, warten wir mal das Ergebnis ab. Auch ein großer Teil der dagewesenen Besucher schien schon vor dem Ende der Veranstaltung das Interesse zu verlieren oder zu resignieren - und ging. Denn: weniger wäre mehr gewesen.

Die Verwaltung, in Ihrem Bestreben, das Projekt von allen Seiten wasserdicht darzustellen, um möglichst wenig Angriffsfläche für Kritik zu bieten, brachte schwere Geschütze und ihre Hilfstruppen in Stellung und überhäufte die Anwesenden mit einer Flut detaillierter Informationen, mit Daten, Fakten, Hintergründen, Statistiken, Gutachten und Untersuchungsergebnissen so, dass eigentlich jeder Einwand mit Hinweis auf diese Fakten leicht zu kassieren ist und die Lust an Kritik den meisten vergangen zu sein schien. Wer weiß, vielleicht hat das auch Methode? Und betrachtet man die, teilweise waghalsigen, Verknüpfungen zwischen den einzelnen Untersuchungen, Statistiken etc., so kann man hie und da durchaus von wachsweichen Prämissen reden, die vielleicht eintreten können, jedoch noch lange nicht müssen. Das scheint gängige Praxis zu sein (vgl. Stadtbahn): Wenn etwas mit allen Mitteln durchgesetzt werden soll, liegt die Versuchung nahe, sich das schön zu reden.

Auf jeden Fall bezog sich die wenige Kritik am Ende der Veranstaltung nicht auf das Wesentliche, nämlich die Kosten, über die den ganzen Abend wenn überhaupt, so ausweichend, geredet wurde. Ja, Kosten fallen an, aber nicht so schlimm, da diese auf viele Investorenschultern verteilt werden, Risiken gäbe es auch, können aber verteilt werden, die Privatwirtschaft wird’s schon hinkriegen. Mit läppischen 6 bis 8 Mio. Euro sollen Investitionen von bis zu 150 Mio Euro initiiert werden. Allerdings wurde nicht konkretisiert, wie diese Zahlungsströme in den Folgejahren fließen und welche Nettofinanzierungsüberschüsse wenn überhaupt, erzielt werden sollen. Insofern kann auch jetzt noch nicht behauptet werden, das Projekt rechne sich. Vielleicht ja, aber auch mit ebenso großer Wahrscheinlichkeit nein.

Roland Foos, anwesender Gemeinderat der FWV, ahnend, daß es wohl knapp werden würde, brachte es als einziger auf den Punkt: “Wir als Gemeinderat wissen nicht, wie wir das bezahlen sollen...” Eine zufriedenstellende Anwort erhielt er darauf nicht. Interessant ist ebenfalls die Haltung der SPD-Fraktion, auf die Gemeinderat Jürgen Schmitt bei seinem Vortrag über “Chancen und Risiken” des Bahnstadtprojekts am 03. Februar hingewiesen hatte (http://www.bruchsal.org/story/bahnstadt-bruchsal-0): Die SPD-Fraktion könne einer Lösung mit Verlagerung der OGA wegen der zu erwartenden Kosten nicht zustimmen (Haushaltsrede der SPD 2012).

Nun sieht es so aus, als ob die OGA einer Verlagerung positiv zugetan ist, denn es entstünde eine win-win-Situation für beide, die Stadt und die OGA, so Stadtplanungsamtsleiter Prof. Dr. Ayrle (für die OGA scheint das alte Gelände der Baufirma Stumpf in der Industriestraße vorgesehen zu sein). Man darf gespannt sein, wie sich die Fraktionen im weiteren Abstimmungsverfahren verhalten werden. Der Gemeinderat hat das Projekt Bahnstadt ja schon beschlossen, aber offensichtlich, wie gehabt, ohne vollumfängliche Einsicht über Kosten und Risiken. Nun scheinen erste Zweifel zu kommen. Wird das Gremium, trotz Zweifel und, im Falle der SPD, eines klaren Statements, umfallen wie unter Zeiten Bernd Dolls und für das Projekt, so wie es nun geplant ist, stimmen? Dann hätte sich im Gemeinderat nichts, aber auch gar nichts geändert, nur der Name des visionären “Anführers/in” dieses Gremiums.

Und hier alle von der Verwaltung eingestellten Daten und Fakteen:

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Kommentare

Bahnstadt ohne Tunnelblick

Die Verwaltung stellt das Projekt Bahnstadt in seinen schönsten Farben dar. Sicherlich ist nicht zu bestreiten, dass eine erfolgreiche Entwicklung des Areals westlich der Bahnlinie für Bruchsal wünschenswert wäre.

Um dies auch darstellbar und eventuell auch nachvollziehbar zu machen, bedarf es aber nicht nur einer transparenzwilligen Verwaltung, sondern bitte auch einer kritikfähigen Verwaltung (sowie natürlich einer kritikfreudigen Öffentlichkeit). Wer nicht sofort dafür ist, sollte nicht als unverbesserlicher Gegner angesehen werden.

Denn vom Ende her denken, liebe Verwaltung und GR, heißt hier: nicht das Bahnstadtprojekt ist das "Ende", sondern das Gesamtwohl und die Gesamtentwicklung der Stadt.

Die Stadt - auch wenn sie dies bezeichnenderweise so nicht sagt - erwartet offensichtlich durch das Projekt langfristig Nettofinanzierungsüberschüsse, die die Anschubinvestitionen von acht Millionen rechtfertigen (wobei die Kalkulation laut Verwaltung aus juristischen Gründen derzeit nicht offengelegt werden kann).

Ansonsten würde das Projekt ja auch keinen Sinn machen!

Allerdings scheint überhaupt kein mittelfristiger Finanzplan vorzuliegen, der diese Finanzierungsüberschüsse und Zahlungsströme der Bahnstadt in den Folgejahren vollständig konkretisiert! Eher Versatzstücke werden lanciert.

Weshalb?

Sollte ein solcher Plan (noch) nicht möglich sein, dann bitte aber seitens der Verwaltung nicht argumentieren, das Projekt rechne sich!

Besser wäre dann ein ehrliches:

Es könnte sich rechnen, genaues wissen wir aber (noch) nicht!

Dadurch ließen sich auch Worthülsen, wie „zusätzliche Steuerkraft“ ersparen!  Der interessierte Bürger ist nämlich nicht bescheuert und lässt sich ungern einlullen.

Meine Forderung: Nach der GR-Klausur - aber vor entscheidenden GR-Beschlüssen! – sollten dezidierte Gesamtdarstellungen der mittelfristigen Auswirkungen auf die Vermögens- und Finanzierungslage der Stadt Bruchsal für die alternativen Bahnstadtvarianten sowie unter der Annahme der Nichtverwirklichung des Projekts für die Bürger einsehbar sein!

Das Prädikat „erfolgreich“ kann das Bahnstadtprojekt nur erhalten, wenn neben den bisher nicht vollständig quantifizierten, aber scheinbar erwarteten, mittelfristigen Nettofinanzierungsüberschüssen auch alle durch die Bahnstadt ausgelösten positiven sowie insbesondere negativen(!) finanziellen und nichtfinanziellen Effekte auf die Gesamtentwicklung Bruchsals beleuchtet und in bestem Wissen berücksichtigt und abgeschätzt werden (die von der Verwaltung so hoch gelobte Kosten-Nutzen-Analyse der Stadtbahn lässt hier grüßen und kann gerne als gedankliche Richtschnur dienen…!).

Zwar wurden seitens der Verwaltung eine große Zahl von - nur intern zugänglichen - Gutachten erstellt und willige Stichwortgeber hinzugezogen, eine Gesamtanalyse lässt allerdings bezeichnenderweise auf sich warten…

Eine solche Gesamtschau sollte beispielhaft folgende Aspekte beinhalten (die Liste darf gerne ergänzt werden!):

- Verkehrs-/Straßenkonzept zur Kompensation bzw. Bewältigung der negativen Auswirkungen des Handelszentrums auf der Ostseite der Bahnlinie bzw. auf das „Quartier“. „Etwas mehr Verkehr“, wie es auf den Blaupausen vom 14.2. 2012 heißt, kann nicht die abschließende Antwort sein.

- Entwicklungskonzept für das Areal an der Orbinstraße inklusive Landratsamtsgebäude durch den Wegzug des LRA (man erinnere sich nur an das verlotterte ehemalige Begena-Gebäude, das nicht nur als Notlager der öffentlichen Hand herhalten musste - über Jahre ein echtes Kleinod städtischer Entwicklungsplanung!).

Dass die Liegenschaften an der Orbinstraße teilweise im Besitz des Kreises sind, kann keine Ausrede für den Mangel an Denkanstößen zu diesem Areal sein. Vielleicht sollte man an die Bemerkungen des GR J. Schmitt wenigstens anknüpfen, denn Innenstadtverdichtung heißt ja nicht nur Bahnstadtverdichtung. Die vielzitierte Initiative des Landes BW gilt sicherlich auch für das Gebiet Orbinstraße, und nicht nur dort!

- Auswirkungen der Bahnstadt auf das Projekt Stadtbahn (die man überraschenderweise(?) visuell bei der Präsentation am 14.2.2012 schon mal durch die Bahnstadt fahren ließ!). Werden hier gewisse Abhängigkeiten geschaffen? Ist die Bahnstadt tatsächlich völlig losgelöst vom Stadtbahnprojekt zu betrachten oder werden eventuell neue „Tatsachen“ geschaffen? 

- Bereitstellung von städtischen Geldern zur Entwicklung des Projekts „Soziale Stadt“ im „Quartier“. Es verwundert (wenig…), weshalb der Hype darum inzwischen erloschen ist. Was ist denn aus den Bürgerkreisen dort geworden? Hat man die vielgelobten Anregungen dieser „gesteuerten“ Diskussionskreise ganz vergessen?

Inzwischen verfrühstückte Gelder wurden ja ursprünglich, wie auch die Gemeinderäte heute unumwunden zugeben, eher unter dem Deckmantel „Soziale Stadt“ aus Fördertöpfen eingeworben, um maßgeblich - wenn auch nicht ausschließlich - die Finanzierung von Sepa/Rathaus/Jost zu gewährleisten.

Da nochmalige Anträge für Finanzierungsmittel nun natürlich illusorisch sind, müssen die Projekte ja nun seitens der Stadt finanziert werden (oder will man, wie es derzeit geschieht, darauf seitens der Verwaltung nicht mehr angesprochen werden?).

- Werden etwaige fiktive Aufwendungen im Vermögenshaushalt der Stadt, ausgelöst durch mögliche  Kompensationsgeschäfte bei Liegenschaften, zu Lasten des Stadtbahnprojekts kalkulatorisch in voller Höhe „berücksichtigt“?

- Werden Einzelpläne für alle Teilprojekte der Bahnstadt erstellt oder wird man sich seitens der Bürger mit einer Mischkalkulation begnügen müssen, wo Quersubventionierungen (z.B. Ost-West) dann verschleiert würden?

- Wie stellt sich die Grundstücksverwertung in den schon erschlossenen Gebieten Bruchsals dar? Wesentliche Teile der über 500 unbebauten Gründstücksbrachen (potenzieller, wenn auch nur teilweise vergleichbarer Wohnraum für weit mehr Bürger, als das gesamte Bahnstadtareal realistischerweise jemals beherbergen wird) sind ja in städtischem Besitz und wurden teilweise schon teuer erschlossen.  

Erwartet man sich seitens der Verwaltung durch das Bahnstadtprojekt diesbezüglich positive (?) Effekte? Wenn ja, in welchem Umfang? Oder mag der Effekt, nicht auszudenekn, am Ende gar negativ sein?

Dabei wäre wenigstens zu fragen, weshalb man für das Bahnstadtprojekt so zuversichtlich ist, wenngleich sich die städtische Euphorie bspw. bzgl. der Baugebiete in Heidelsheim (bei aller Unterschiedlichkeit zur Bahnstadt) in der Retrospektive eher als Griff ins Klo erwies...

Daher nochmals die Bitte an die Verwaltung: Nur ein kritisches Herangehen an das Bahnstadtprojekt kann ggf. den Erfolg des Projekts sichern. Je mehr kritische Fragen nicht abgebügelt, sondern offen beantwortet werden, desto geringer die Wahrscheinlichkeit des späteren Schiffbruchs.

Denn eine vorsichtige Herangehensweise an das Bahnstadtprojekt ist unabdinglich. Auch deshalb, weil die heutigen Entscheider und Verantwortlichen, auch wenn diese mit bester Absicht abwägen, ja persönlich nicht in die Haftung gehen.

Wer hätte vor 25 Jahren gedacht, dass sich das BÜZ als ein Fass ohne Boden erweisen würde, wo jährlich Millionenbeträge versenkt werden müssen... 

Es kann sein,

dass ich falsch liege. Aber wenn man sich manche Details betrachtet, so kommen einem Zweifel, ob hier nicht ein wenig Augenwischerei betrieben wird. Als Beispiel möchte ich auf das Bild "Einwohnerprognose Bruchsal" im Bildvortrag eingehen (Zeitstrahl 6:08).

Es wird auf die Einwohnerentwicklung von 1990 bis 2004 abgehoben (+4400 EW). Dabei leben wir doch 2012 oder nicht? Für die Prognose wird dann der Wert von 2008 zugrundegelegt (43267) und 17 Jahre vorausprognostiziert bis zum Jahre 2025 (+2233 EW).

Dabei wird geflissentlich die Zeit von 2004 bis 2011 unbeachtet gelassen, in der nur ein Zuwachs von 223 Personen zu verzeichnen ist (in 7 Jahren!).

Von 2008 (43267 EW) bis 2011 (42623 EW) ist sogar eine Abnahme von 534 Einwohnern zu verzeichnen.

Und wenn man die Jahre von 1990 bis 2004 betrachtet, dann können die in keinem Fall für eine Prognose herhalten, da das die Zeit nach der Wende war und damit auch der Zuzug höher als "normal" war.

Die Zahlen sind nachprüfbar und sprechen für sich, d.h. wenn mit nachprüfbaren schon Zahlen manipuliert wird (um eine günstige Prognose zu erhalten), was ist dann mit all dem, was man nicht so einfach nachprüfen kann?

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