Aus dem Schutz der Anonymität heraus

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Montag, 26. März 2012 - 23:27

Es ist eigentlich schon ungeheuerlich, was der designierte FDP-Generalsekretär Patrick Döring in einem Fernsehgespräch absonderte. Kaum zeigte sich, dass die FDP wohl endgültig zur Splitterpartei verkommen ist, sogar die Familienpartei erhielt im Saarland mehr Stimmen, zeigte diese ihr wahres Gesicht in der Person von Patrick Döring. Zu einem gnadenlosen Rundumschlag gegen die Piraten-Partei holte er aus und erklärte, deren Gesellschaftsbild, deren Politikbild, deren Menschenbild sei manchmal so stark von der Tyrannei der Masse geprägt, dass er als Liberaler nicht wünsche, dass sich dieses Politikbild durchsetzt. Später setzte er noch einen drauf, schwadronierte von einem gut verteidigten Schutz der Anonymität, unter dem eine Diskussionskultur im Netz entstehe, die den Eindruck mache, dass alle Parlamentarier die Deppen der Nation wären. Weiterhin wirft er den Nutzern des Internets vor, sich stilistisch hoch unflätig zu äußern und so zu tun, als ob diese die Weisheit und die Menge hinter sich habe. Weiter: „Ich bin dafür dass alle, die sich daran (am Internet) beteiligen, dies unter vollem Namen tun und erkennbar sind.“

Diese Ansicht kann man vollinhaltlich nur teilen. Meinungsäußerungen nur noch unter vollem Namen und erkennbar. Denken wir weiter und fangen wir, den Vorschlag der FDP aufgreifend, bei den Wahlen an. Der Name des einzelnen Wählers ist über die Wahlliste schon bekannt. Damit auch erkennbar ist, was der einzelne Wähler gewählt hat (erkennbar!) wird § 38 des Grundgesetzes dahin gehend geändert, dass zukünftig die Wahlen nicht mehr geheim sind – was auch viel Geld und Arbeit erspart, da Wahlkabinen entbehrlich werden. Man muss lediglich dem Wahlhelfer gut erkennbar seinen Namen sagen und die Partei seiner Wahl laut im Wahlbüro verkünden. Wer aus der Masse wird sich dann noch trauen zu versuchen, tyrannisch auf Herrn Döring und Konsorten einzuwirken? Und wer wirklich falsch im Sinne der FDP wählen sollte, vielleicht ließe der sich dann entsprechend kennzeichnen? Vielleicht mit einem Aufnäher? In einer gut erkennbaren Farbe?


Einen schöne Satire zu den staatstragenden Ansichten des Herrn Döring hat Walter Klotz bei The Intelligence veröffentlicht.

Lobby-Verbände schlagen Alarm: Tyrannei der Massen macht Deutschland unregierbar

Saarbrücken / Berlin – Die Demokratie in Deutschland ist in höchster Gefahr. Wer dies bisher nicht glauben wollte, wurde gestern im eigentlich beschaulichen Saarland eines Besseren belehrt. Anonyme Massen machten gänzlich ohne demokratische Legitimation ihren Einfluss bei Wahlen geltend. Jahrzehntealte Gepflogenheiten der politischen Einflussnahme würden entwertet, Unberechenbarkeit trete an ihre Stelle. Deutlicher als der Sprecher des Bundesverbandes der Lobbyverbände Philipp Döring kann man die Gefahren der jüngsten Entwicklung nicht auf den Punkt bringen.

Lobbyisten in Bund und Ländern kritisieren insbesondere, dass bewährte Mechanismen der Entscheidungsfindung von radikalen Kräften über den Haufen geworfen würden. Statt in noblen Hinterzimmern ebensolcher Hotels die Senkung der Mehrwertsteuer gegen eine kleine Spende zu beschließen, würden derartige Themen neuerdings von völlig unqualifizierten Massen im Internet diskutiert.

Anlass des Alarms ist das Abschneiden der althergebrachten Klientelinteressen-Gruppierung FDP bei den Wahlen im Saarland. Ein Ergebnis von 1,2% gefährde nicht nur die Demokratie, sondern auch das Investitionsklima. „Das lässt bei manchem Interessenverband Zweifel aufkommen, ob eine Parteispende bei den Liberalen noch sinnvoll angelegt ist.“ befürchtet auch Daniel Lindner, jüngst zum geschäftsführenden Interessenvertreter der Lobbyisten-Lobby an Rhein und Ruhr gekürt, Schlimmes.

Schließlich lassen auch höchste Granden der freien Wählerlosen ihren Unmut verlauten. Der namentlich nicht genannte Christian Rösler befand die Intransparenz als unerträglich. „Aus dem Schutz der Anonymität heraus werden Einflussnahme-Prozesse kritisiert, die die feigen Internet-Kommentatoren eigentlich nicht einmal kennen dürften.“

Besonnene politische Beobachter raten allerdings zu einer differenzierten Betrachtung. Immerhin sei der Eindruck, dass im Netz reines Splittergruppen-Bashing betrieben werde, so nicht richtig. Auch die Liberalen erführen durchaus Zustimmung. Der Bemerkung, dass Parlamentarier und insbesondere die Liberalen, die „Deppen der Nation“ seien, erhalte keinen Widerspruch, sondern im Gegenteil breite Zustimmung.

Anmerkung der Redaktion:

Falls Sie obigen Artikel für schamlos übertrieben, wenn nicht sogar für erstunken und erlogen halten, haben Sie Recht. Das sind typische Stilmittel einer Satire. Eine solche haben Sie gerade gelesen.

Link zu

The Intelligence

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Kommentare

Nichts als Frust

Dass die gefühlte Stimmung in einer Netzgemeinschaft nicht unbedingt repräsentativ für die Stimmung beim gesamten Volk sein muss, glaube ich Döring seit S21 sogar.

Ich hätte nicht gedacht, dass die Volksabstimmung in dieser Eindeutigkeit für das Projekt stimmen würde. Zu sehr war bei den Nutzern einschlägiger Portale und Foren eine Ablehnung herauslesbar.

Woran liegt das? Sollte Döring auch mit dem zweiten Punkt Recht haben, wonach im Web nicht die echte Meinung wiedergegeben wird? Oder liegt es vielmehr daran, dass wir webaffinen Bürger nicht die Meinung der überwiegenden Bevölkerung repräsentieren. Steht womöglich der "typische" Blogger politisch deutlich weiter links als das Gros der Bevölkerung?

Döring hat unzweifelhaft Mist gelabert. Aus Frust nehme ich an. Weder wird durch eine Meinungsäußerung "tyrannisiert", noch schreibt ein rabenschwarzer Bernhard Mustermann im Web als "xyz213" rote Parolen.

Aber es sollte uns, die wir hier über ihn und seine Äußerung urteilen, bewusst sein, dass es menschlich ist, durch frei gewählte Infoquellen die Bestätigung unserer Ansicht zu suchen. Man wird sie deshalb meist bestätigt finden, aber es wird nur zu leicht übersehen, dass sie nicht die Meinung einer breiten Bevölkerungsschicht darstellen muss.

Ich fühle mich als Pirat von Döring nicht angegriffen, er hat sich und seiner Partei vielmehr ein Armutszeugnis ausgestellt.

Ich gebe Ihnen

Recht, Morgan le Fay. Aber es ist wohl auch unstrittig, dass sich die FDP mit Döring einen schlechten Dienst getan hat. Nach einem scharfzüngigen Vordenker, wie Christian Lindner sind die Statements von Döring fast nicht auszuhalten.

Sicher war ein wenig...

... Frust dabei, in seiner Rede. Wir haben aber immer "noch" eine Demokratie, in der jeder seine Meinung kundtun kann. Dazu gehören auch Meinungen von "Konservativer" Seite. Solange sie nicht verletzend wirken, sollten diese auch dazu gehören. Sonst wäre es keine Demokratie. Dies gilt ebenfalls für die Administratoren von dieser Plattform, die sich schwer tun, solche zu veröffentlichen.

Zwar fällt mir ...

Schwertun

... die Vorstellung derzeit noch ziemlich schwer, doch scheint bei anderen Lesern Anlass zu Zweifeln zu bestehen.

Es könnte daher im Sinne der Herausgeber sein, hierzu nicht zu schweigen.

Und ich wäre ihnen dankbar dafür.

Gefällige Inhalte?

Laut eigenen Aussagen verweigert bruchsal.org die Veröffentlichung von Inhalten in sehr seltenen Fällen, und nur dann, wenn völlig unsachlich argumentiert wird.

Vielleicht läge der Kompromiss darin, die Inhalte in diesen seltenen Fällen zu moderieren (vielleicht ähnlich der ZEIT) statt komplett zu entfernen. Das wäre eine etwas transparentere Vorgehensweise. Der Aufwand dafür scheint angesichts der gepflegten Sitten hier doch überschaubar.

Für ein großes Ärgernis halte ich die Übernahme von Pressemitteilungen auf der Hauptseite. Lassen sich diese PMs nicht in einer eigenen Rubrik unterbringen (muß ja nicht gleich die Satireseite sein, wenngleich dies des öfteren...)? Auch die Auswahlkriterien sind manchmal schwer nachvollziehbar, insbesondere wenn PM-Inhalte sich wiederholen und sogar alten Wein in alten Schläuchen offerieren.

Besonders ärgerlich

Finde ich es persönlich dann, wenn der Kommentar zwar sachlich fundiert ist, er hier aber wegen irgendwelcher heiligen Kühe nicht veröffentlicht wird; z. b. Schlossweihnacht, die mit Sicherheit nicht jedem gefällt. Das ist mir persönlich mal sehr sauer aufgestoßen....

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