Alois Janzer: "Als in Deutschland die Blutfahnen wehten"

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Eine Buchbesprechung
Donnerstag, 7. Januar 2010 - 13:23

Deutschland, Vaterland
Bist Du es wert, dass ich Dich so nenne,
Wo Du der Mörder meiner Jugend warst.
Warum ich noch lebe, Vaterland?
Dein Knecht, der Tod, hat mich verschont.
Vaterland, deine Erde mag die beste sein.
Doch viele Deiner Söhne waren Henker.

Alois Janzer

Im Herbst letzten Jahres brachte der junge Bruchsaler Verlag Christian Lauber die Erinnerungen Alois Janzers an die Jahre 1943 - 1948 heraus, die dieser zwangsweise in der Waffen-SS und danach in Kriegsgefangenschaft verbrachte: „Als in Deutschland die Blutfahnen wehten". Würde ich Alois Janzer nicht als bescheidenen Nachbarn in Obergrombach kennen, ich würde kaum für möglich halten, dass er all die Geschichten, die er da beschreibt, auch tatsächlich erlebt, d.h. überlebt haben kann. Ich würde das eine oder andere Detail einfach dem menschlich nachvollziehbaren Hang zur schriftstellerischen Ausmalung zuschreiben, zumal aus der zeitlichen Distanz zum Geschehen. Da ich ihn aber kenne und auch die Geschichte des Buches, kann ich guten Gewissens raten, diese Bedenken hintanzustellen und das Buch vorurteilsfrei anzugehen.

Blutfahnen

Denn es geht in diesem Buch nicht unbedingt um diese Geschichten, um all diese Details, die sich spannend lesen. Und Alois Janzer, heute über 80 Jahre alt, hat seine Erinnerungen schon vor einigen Jahrzehnten aufgeschrieben, als sie noch frisch waren, und als seine Enttäuschung über das, was er vor allem nach dem Krieg in der Gefangenschaft erleben musste, noch tief in ihm steckten. Das muss man wissen.

Janzer stellt, im Gegensatz zu vielen anderen Erlebnisberichten aus dieser Zeit, immer wieder die Grundfrage der Verantwortung. Die Verantwortung der Lehrer, die ihm das NS-Ideal zu vermitteln suchten, während das Elternhaus den inneren Widerstand predigte. Die Verantwortung des Pfarrers zum Beispiel, der im Gottesdienst noch für Adolf Hitler beten ließ, während dessen Knechte im Feld Hunderttausende verheizten, um sich hohe Opferzahlen mit Verdienst-Orden schmücken vergelten zu lassen.

In einem Gedicht Janzers heißt es dazu:

Das Regiment zählt noch dreißig,
Seine Führung war fleißig.
Sie sammelt besoffen zum letzten Appell.
Die Herren stellen fest:
„Der Krieg ist bald aus.
Wir verheizen noch dreißig.
Und fahren nach Haus!

Janzer prangert auch schonungslos an, dass nach dem Krieg diejenigen, die ihn in der Leibstandarte Adolf Hitler gepeinigt hatten, das Führungspersonal also, entkam und teilweise in den Gefangenenlagern wieder in Führungspositionen waren, während er, der gezwungenermaßen bei der Waffen-SS war und seinen Glauben an Gott nie aufgegeben hatte auch seinen inneren Widerstand gegen das Regime, nach dem Krieg noch einmal durch eine dreijährige Hölle musste. Aus seiner, sicher subjektiven Sicht, stellt sich das so dar: Diejenigen, die er als Täter erlebte als „Mörder seiner Jugend", durften zu Hause das Nachkriegs-Deutschland aufbauen, während er, das Opfer, ein zweites Mal zu büßen hatte. Geschichtsschreibung von unten, Geschichtsschreibung, die eben wegen ihrer subjektiven Sichtweise einen besonderen Stellenwert erhält.

Alois Janzer hat neben diesen Erinnerungen viele Aphorismen und Gedichte geschrieben, u. a. die oben zitierten. Zwei weitere Beispiele, die erst im Zusammenhang mit den im Buch geschilderten Erlebnissen erklärbar sind:

In jedem Menschen steckt eine Bestie.
Steckt man sie in Uniform und stellt sie unter Befehl,
Macht man sie verantwortungslos
Und sie kann sich frei entfalten.

Sterben
Ist das letzte, was einem Menschen bleibt.
Und jeder stirbt für sich allein.
Darum hat kein Staat und keine Macht der Welt das Recht,
den Zeitpunkt und die verdammte Art, wie gestorben wird,
zu bestimmen.

Dieses Gedicht diente als Vorlage für den Text des kleinen „Denkmals" im Bürgergarten, mit dem an die Opfer der NS-Justiz in der Psycha erinnert wird.

 

Alois Janzer
Als in Deutschland die Blutfahnen wehten
Unfreiwillig bei der Waffen-SS
Erinnerungen 1943 - 1948
ISBN 978-3-942066-00-6
€ 12,90

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Kommentare

Schon vergriffen!?

Vielen Dank für den Bericht.
Leider, oder aus Sicht des Autoren zum Glück, scheint das Buch bereits vergriffen zu sein:
"Liebe Kunden, Alois Janzers Buch "Als in Deutschland die Blutfahnen wehten" ist aufgrund der unerwartet hohen Nachfrage leider kurzfristig vergriffen und erst wieder ab Mitte Januar 2010 erhältlich. Gerne reservieren wir für Sie ein Exemplar vor!"

Aber Mitte Januar ist ja absehbar. :)
Oder ist das Buch in hiesigen Buchhandlungen noch vorrätig?

Das eingangs zitierte Gedicht kam mir doch gleich bekannt vor.
Ich habe es dann in dem ebenfalls lesenswerten Buch "Seilersbahn - Ein Weg Geschichte", von einem gewissen Rainer Kaufmann, wieder gefunden. ;)

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