Aktuelle Werbe-E-Mail der CDU pro Stuttgart 21:

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Ebenso überflüssig wie datenschutztechnisch unsensibel. Was wohl der CDU-Internetexperte Axel E. Fischer dazu meint?
Samstag, 30. Oktober 2010 - 16:24
Mail der CDU an Kreisverband usw.

Diese Mail ging zunächst an die „Damen und Herren
Geschäftsführer der Landes-, Bezirks- und Kreisverbände der CDU Deutschlands", also auch an den Kreisverband Karlsruhe-Land. Inhalt: eine pdf-Datei mit Informationen zum Streit um Stuttgart 21 mit der Bitte um Verbreitung. Absender: Bereich Marketing und Interne Kommunikation der CDU-Bundesgeschäftsstelle in Berlin, dort die Abteilung „Kreisverbände Informationen", Mailadresse: cdunet [at] cdu [dot] de.

Nichts Bemerkenswertes an sich, auch nicht, dass bis zur Landtagswahl weitere Informationen und Argumentationsmaterialien angekündigt wurden. Übliches Parteien-Geschäft. Was aber der CDU-Kreisverband Karlsruhe-Land danach mit dieser Mail gemacht hat, lässt sich nur noch mit grob fahrlässig umschreiben, wenn nicht gar mit einem ganz offenen Bruch des Datenschutzes. Er verschickte die Mail an einen Adressenverteiler mit über 500 Adressaten, wobei alle Adressen unter cc aufgeführt wurden und jetzt auf den Rechnern von mehr als 500 Empfängern offen vorliegen. Ein windiger Abmahnungsanwalt könnte gewaltig Kasse machen. Aber auch das wäre noch eine interne Angelegenheit der CDU und ihrer Adressaten, zum allergrößten Teil auch der Öffentlichkeit bekannte Persönlichkeiten der CDU, Abgeordnete, Bürgermeister, Gemeinderäte, Ortsverbandsvorsitzende.

Ein genauerer Blick auf diese Adressendatei, die uns vorliegt, macht dann doch an der einen oder anderen Stelle etwas nachdenklich.

Dabei kann man es noch als Partei-Folklore abtun, wenn der CDU-Kreisverband sein Mitglied Bernd Doll noch immer über die E-Mail-Adresse oberbuergermeister [at] bruchsal [dot] de anschreibt. Wer diese Mail wohl liest? Oder, dass Florian Hartmann, der gescheiterte OB-Kandidat noch immer (oder schon wieder) als wichtiger CDU-Multiplikator im Kreisverband angesehen und anscheinend regelmäßig mit einer Mail beehrt wird. Folklore auch, dass das unzertrennliche Bruchsaler Politik-Duo Werner und Rainer Stark (Vater und Sohn) auch virtuell anscheinend unzertrennlich und mit ein- und derselben E-Mail-Adresse registriert sind. Wer liest da wessen Post? Folklore wie gesagt, die nur Insidern einen gewissen Spaßgewinn bereitet.

Interessanter wird es schon, wenn man sieht, dass der Regionalverband Oberrhein ebenso auf der internen Verteiler-Liste für Argumentationshilfen der CDU steht wie die Pressestelle des Landratsamtes oder gar die Buchbinderei der Justizvollzugsanstalt Bruchsal. Noch spannender wird es, wenn man erfährt, welche Redaktionen und Verlagsabteilungen ebenfalls auf diesem Verteiler des CDU-Kreisverbandes stehen. Wir listen sie der Reihe nach auf: Anzeigen-Disposition/BNN, Anzeigen-Leitung/BNN, Anzeigen-Textplatzierung/BNN, die BNN Redaktionen Region, Bretten, Bruchsal, Ettlingen und Hardt, der Redakteur Ulrich Schweizer/BNN (unrühmlich bekannt aus der Landrats-Forsthaus-Affäre) persönlich, die Brettener Woche und die Redaktion des Kurier Bruchsal. Wohl gemerkt, es handelt sich bei dieser Mail nicht um den üblichen Versand einer Pressemitteilung. Die Zusammenstellung der 400 Adressen dieses Verteilers lassen diesen Schluss nicht zu. Es handelt sich eindeutig um einen partei-internen Adressenverteiler.

Allein drei der offen angeschriebenen Adressen gehören Axel E. Fischer, MdB und Vorsitzender der „Enquete-Kommission Internet und digitale Gesellschaft". Diese hat eine Projektgruppe „Datenschutz, Persönlichkeitsrechte". Ob der Internet-Fachmann Axel E. den glatten Verstoß seines Kreisverbandes gegen Bestimmungen des Datenschutzes und der Persönlichkeitsrechte überhaupt wahrgenommen hat? Es darf bezweifelt werden.

Oklablog: Mindestens unsensibel

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Kommentare

Hat die CDU das nötig? Walter Sittler in die Nazi-Ecke gerückt.

Es macht traurig zu sehen, wie die CDU hektisch und unüberlegt agiert bei dem Versuch, verloren gegangenes Terrain in der Diskussion um Stuttgart 21 wieder zu gewinnen. Dem CDU-Bundestagsabgeordneten für den Wahlkreis Heilbronn, Thomas Strobl, daneben noch Generalsekretär der CDU Baden-Württemberg, meint jetzt als Neuigkeit herausgefunden zu haben, dass der Vater (!) von Walter Sittler (dieser geboren 1952 in Chicago), Nazi-Funktionär war und für Joseph Goebbels arbeitete. Und diese vorgebliche Neuigkeit posaunt er, welche Duplizität der Ereignisse, per E-Mail über den Erdball.

Um sich mit Stuttgart 21 auseinander zu setzen ist die Information über die politische Tätigkeit von Walter Sittlers Vater absolut unnötig. Mir fällt dazu nur ein, dass zu Zeiten des Nationalsozialismus sehr gerne mit dem Instrumentarium der Sippenhaft "gearbeitet" wurde. Aus Wikipedia:  In späterer Zeit (gemeint ist die Zeit des Nationalsozialismus) bekam die Bezeichnung (Sippenhaft) eine neue Bedeutung: Gemeint war nunmehr die Bestrafung eines Menschen (Verwandten, Ehepartners) für die Straftat eines anderen „Sippenangehörigen". Diese Art der Haftung wurde in totalitären Herrschaftssystemen wie zum Beispiel während der Zeit des Nationalsozialismus als Terrormaßnahme gegen politische Gegner (und deren Familien) angewandt.

Ich glaube nicht, dass der CDU-Bundestagsabgeordnete Strobl in seinem Presseerzeugnis explizit auf die Nazi-Tätigkeit von Herrn Sittlers Vater hingewiesen hätte, wenn er um diese historische Dimension der Sippenhaft gewusst hätte.

CDU-Bundestagsabgeordneter rückt Walter Sittler in die Nazi-Ecke

By the way:  Es war Walter Sittler selber, der in der Dokumentation des ZDF "Auf der Spur meiner Ahnen" am 27. Juli 2007 offen legte, wie sein Vater Edward zu einer "stählernen Stimme des Reiches" geworden ist:

Thomas Strobl nimmt Sittler in Sippenhaft

Warum sollte Hr. Strobl NICHT von der historischen Dimension'

usw. gewusst haben?

Ich gehe davon aus, daß er historisch ausreichendes Wissen hierzu hat.
Hätte er dieses in der Tat nicht - dann wäre er auf jeden Fall eine Fehlbesetzung in den Positionen, die er parteilich innehat.

Oder anderst: ist die Voraussetzung dafür gar "Charakterschwäche kombiniert mit Vorsatz"?

Unwissenheit kann 'sich selber' nicht erkennen. Die CDU ist hier Marktführer vor der FDP, m.E.

Das fühlt sich alles 'sehr degeneriert' an. Arme Welt.

Woher wissen Sie eigentlich...

...ob die Damen und Herren nicht dem Versand zugestimmt haben, oder gar einen Newsletter der CDU abonniert? Unterstellungen sind immer einfach - beweisen nicht.

Würden Sie akzeptieren, die

Würden Sie akzeptieren, die Beweislast für Newsletter-Abonnements dem Versender der e-mail, dem CDU-Kreisverband anheim zu stellen? Ich warte mit großem Interesse auf weitere Informationen.

Darum geht es gar nicht

Erlauben Sie, dass ich hier kurz einspringe? Ich denke nicht, dass die Empfänger gegen ihren Wunsch in den Verteiler des CDU-Kreisverbandes gelangten. Diese Behauptung geht aber auch nicht aus dem Text hervor. Aber es ist, wie von den Herren Bühler und Kaufmann völlig zutreffend erkannt, sehr kritisch, wenn sämtliche Adressaten für alle Anderen offen ersichtlich sind.

Haben Sie selbst Newsletter abonniert? Möchten Sie, dass jeder Empfänger dieser Rundmails Ihre E-Mailadresse kennt? Für Versender von Spam oder Schlimmerem sind solche Mails ein gefundenes Fressen, zumal sich in dem vorliegenden Falle viele der Betroffenen gegenseitig kennen und somit ohne Argwohn auf scheinbar persönliche Nachrichten von Mitgliedern aus dieser Gruppe reagieren dürften.

stuttgart

Der Kampf um oder für Stuttgart 21 ist in meinen Augen langsam zu etwas geworden, was ich mal positiv für die Demokratie bezeichnen will. Das Aktionsbündnis gegen Stuttgart 21 ließ die Gespräche am Freitag nicht wie angedroht platzen, sondern einigte sich mit der Bahn auf einen Kompromiss zur Friedenspflicht. Schon allein das zeigt uns allen doch, dass, wenn die Kontrahenten reden es hilft Eskalationen zu meiden. Ich finde das sehr gut und hoffen, dass alles ein positives und frideliches Ende findet.

Sehr interessant, die Anzeigenabteilung

Dass ausgerechnet die Anzeigenabteilung, neben der Redaktion, auch der Empfänger der Mail ist, das ist sehr interessant. Denn das heißt indirekt: „Wenn Ihr nicht freundlich berichtet, dann überlegen wir uns das nochmal mit den Anzeigen!“.

Das ist ein übliches Mittel in dem Geschäft, wird aber meist von starken regionalen Einzelhandelskettem ausgeübt. Deswegen findet man in regionalen Tageszeitungen (und erst Recht den kostenlosen Anzeigenblättern) auch fast nie kritische (selbstrecherchierte) Artikel zu Lidl, Aldi, Kaufland, Rewe, Norma, MediaMarkt, Metro, Marktkauf, … … Denn wenn da der jeweils lokale große Laden keine Anzeigen mehr schaltet, dann ist das oft ein merklicher Einbruch in den Einnahmen. Und daher müssen die oft noch nicht mal drohen.

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