„Nur vergegenwärtigte Geschichte ist aufgeklärte Geschichte“
Bruchsal (pa.). Was Auschwitz bedeutet, muss jede(r) wissen – zumal jede(r) Deutsche. Undenkbar, das Wort und seine Last nicht zu kennen. Wirklich? Eine aktuelle Radioumfrage zum internationalen Auschwitz-Gedenktag am 27. Januar hat ergeben, dass heute, im Jahre 2012, jeder fünfte Befragte in Deutschland nichts mit dem Begriff Auschwitz anfangen weiß. Ein Fingerzeig mehr darauf, dass es mit dem 1996 durch Bundespräsident Roman Herzog in Deutschland offiziell eingeführten Tag des Gedenkens an die Opfer des Nationalsozialismus mehr denn je seine Berechtigung, ja unbedingte Notwendigkeit hat. Das Datum selbst spricht für sich: Am 27. Januar 1945 befreiten Soldaten der Roten Armee die Überlebenden des KZ Auschwitz-Birkenau, des größten Vernichtungslagers des NS-Regimes.
„Durch unsere Zusammenkunft können wir heute ein symbolisches Licht anzünden, das in eine dunkle Vergangenheit hineinleuchtet“, sagte Oberbürgermeisterin Cornelia Petzold-Schick im Rahmen der Bruchsaler Gedenkstunde zum 27. Januar. „Je heller die Vergangenheit ausgeleuchtet wird, umso geringer ist die Gefahr des Vergessens und damit auch der Wiederholung. Nur vergegenwärtigte Geschichte ist aufgeklärte Geschichte.“
Im bis auf den letzten Platz vollbesetzten Sitzungssaal des Rathauses am Marktplatz erinnerte die Stadt Bruchsal daran, dass auch hier vor Ort Unrecht geschehen ist und Menschen verfolgt wurden. Der Bruchsaler Bahnhof war bei der Deportation der badischen Jüdinnen und Juden im Oktober 1940 einer der zentralen Punkte am nördlichen Oberrhein. Mit Musik der Gruppe „Shtetl Tov“, eines Ensembles aus den Reihen der Stadtkapelle Bruchsal, sowie einer szenischen Lesung der Badischen Landesbühne wurde die Erinnerung an die dunkelste Stunde deutscher Geschichte wach gehalten.
Charlotte Alten sprach in der Rolle einer jüdischen Frau aus einem Stück von Bertolt Brecht die Worte: „Fritz, alles geht, nur eines nicht: dass wir in der letzten Stunde, die uns bleibt, einander nicht in die Augen sehen. Das dürfen sie nicht erreichen. Die Lügner, die alle zum Lügen zwingen.“ Abgerundet wurde die Gedenkstunde durch eine Führung in der Ausstellung „50 Jahre Amnesty International“, die seit Dezember im Bruchsaler Rathaus zu sehen war und ebenfalls Fragen der Menschenrechte und Menschenwürde zum Inhalt hat.
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Kommentare
Ich bin während des 2.
Ich bin während des 2. Weltrieges geboren, und weder in der Schule, noch in der Berufsschule wurde jemals der Holocaust erwähnt. Ich war entsetzt über die Greuel des NS-Regimes, als ich 1961 das Buch „der Gelbe Stern“ gelesen habe. Ich habe den für mich damals „älteren Leuten“ ins Gesicht geschaut, um zu sehen, ob sie beteiligt waren.
Natürlich konnte man das keinem ansehen.
Es war für mich unfassbar. Es konnte doch nicht sein, was dort geschehen ist!
Im Laufe der Jahre wurden mehr und mehr Bilddokumente aus der NS-Zeit veröffentlicht. Sie zeigen, den Jubel und die Zustimmung die damals herrschte.
Und danach? Bis auf die „Ewiggestrigen“ wollte plötzlich keiner mehr dabei gewesen sein. Seltsam, sie waren wohl alle im Widerstand.
Und geht man dann zurück in die Zeit nach dem zweiten Weltkrieg, was findet man? Alle Posten, mit wenigen Ausnahmen, sind besetzt von Menschen, die auch schon in der Nazizeit auf Posten saßen, Bürgermeister, Polizisten, Richter, Staatsanwälte später dann auch noch Militär und Ministerpräsidenten (Goppel, Filbinger). Nationalsozialistisches Gedankengut ist noch lange in der Bevölkerung und bei deren „Führern“ vorhanden.
Und heute? Heute kommt es mir manchmal vor, als sei es schick, an die NS-Zeit zu erinnern, als gehöre es zum guten Ton, noch eine Rede mit viel Bedauern über die damals verübten Verbrechen zu halten um danach wieder zur Tagesordnung über zu gehen. Ich vermisse dabei oft die wirkliche, tiefe Betroffenheit über die Unmenschlichkeit von Menschen.
Mit dem Wissen um die Grausamkeiten muss man leben, nicht nur an Gedenktagen und Gedenkstätten. Mit diesem Wissen muss man aber auch beginnen, zu verzeihen, unseren Eltern und Großeltern, auch sie waren zum größten Teil nur Opfer.
Mit diesem Wissen muss auch die Kritikfähigkeit wachsen gegenüber allen, die die Menschenrechte missachten, selbst wenn sie einmal Opfer waren.
Im Kommentar zum Artikel
auf Bruchsal.org "Der Mord von Helmsheim 1942" wird auf die Internetseite http://www.brettheimmuseum.hohenlohe.net/ verwiesen. Ich beziehe mich dort auf den Text auf Seite 7.
Die Angeklagten wurden 1955 freigesprochen, der damalige Richter war ein "Nazi-Richter", der schon 1927 der NSDAP beigetreten war.
Auch in den folgenden Urteilen (1958 und 1960) wurde auf "Wehrkraftzersetzung" erkannt und die Angeklagten freigesprochen. Maßgeblich für das Urteil war, ob gegen das zur Tatzeit geltende Recht verstoßen wurde.
Damit wird jeder Mord legalisiert, wenn nur die Formalitäten eingehalten wurden. Unrecht ist eben dann kein Unrecht, wenn es Recht ist. Aber, was bitte war dann damals Unrecht wenn es doch angeblich rechtens war?