„Geschichte nicht nur als etwas Vergangenes ansehen“
Ausstellung im Rathaus am Marktplatz beleuchtet soziale Frage / Zahlreiche Bezüge auch zur Gegenwart
Bruchsal (pa.). Ein renommiertes privates Bankhaus geht in die Insolvenz. Wegen der wegbrechenden Kredite droht den drei größten Industriebetrieben des Landes der Bankrott und Tausenden von Arbeitern die Entlassung. Die Regierung diskutiert kontrovers über das Für und Wider direkter staatlicher Finanzhilfen. Nachrichten aus dem aktuellen Wirtschaftsleben? Keineswegs. Was sich da liest wie Auszüge aus einer heutigen Tageszeitung, hat sich tatsächlich bereits zur Mitte des 19. Jahrhunderts in Baden zugetragen und ist als „Drei-Fabriken-Frage“ in die südwestdeutsche Geschichte eingegangen.
Konzipiert und gestaltet vom Landesarchiv Baden-Württemberg, schlägt die Ausstellung einen weiten Bogen von den klimatischen, ökonomischen und politischen Wurzeln zunehmender Armut im 19. Jahrhundert bis hin zu den staatlichen Lösungsversuchen. Die umfassten einerseits neue Ansätze in der Sozialpolitik ebenso wie andererseits strenge juristische Sanktionen gegen Gesetzesbrecher – was nicht zuletzt auch im damaligen Neubau des Bruchsaler Männerzuchthauses sichtbar zum Ausdruck kam. Als ausgewiesene Experten führten Dr. Peter Exner und Dr. Reiner Brüning anlässlich der Eröffnung in die Ausstellungskonzeption ein und arbeiteten dabei auch zahlreiche Parallelen zwischen Vergangenheit und Gegenwart heraus. Ob gesundheitliche Belastungen am Arbeitsplatz, Fragen der gerechten Entlohnung, wirtschaftliche Konjunkturen und darauffolgende Finanzkrisen – wer die Texttafeln aufmerksam studiert, mag aus gutem Grund von dem Gefühl beschlichen werden, solche oder zumindest ähnliche Debatten auch aus der heutigen Zeit zu kennen. Oder wie Oberbürgermeisterin Petzold-Schick es formulierte: „Wir dürfen Geschichte nicht nur als etwas Abgeschlossenes, Vergangenes oder gar Kontemplatives ansehen.“
Information
Die vom Landesarchiv Baden-Württemberg gestaltete Ausstellung „Wege aus der Armut – Baden in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts“ ist noch bis einschließlich 28. Oktober im Bruchsaler Rathaus am Marktplatz jeweils während den üblichen Öffnungszeiten zu sehen (Mo-Do 8 bis 16 Uhr, Fr 8 bis 12 Uhr). Der Eintritt ist frei. Führungen durch die Ausstellung können vereinbart werden mit der Stadt Bruchsal, Hauptamt, Abt. Kultur, Tel. 07251/79-380, E-Mail: Thomas [dot] Adam [at] Bruchsal [dot] de
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