Bruchsal den Bruchsalern

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Vorab ein Hinweis. Dieser Eintrag spielt wechselweise mit harten Fakten, Meinungsäußerungen und mit satirischen Elementen. Diese Wechsel sind nicht immer eindeutig kenntlich gemacht.

Außerdem spiegelt er meine ganz persönliche Meinung wieder, der jeder gerne widersprechen darf.

Es ist Sonntagabend. Reflexartig schaue ich in den Briefkasten (als ob sonntags Post käme) Und ups, da ist ja doch was drin! Und das obwohl ich „Bitte keine Werbung“ draufstehen habe.

Ah. OB-Kandidat Reißer. Und er hat sogar gleich zwei Flyer. Und damit bestätigt sich trauriger Weise eine Theorie die ich vor einiger Zeit aufgestellt habe: Es gibt drei Gruppen, denen ein Werbe-Einwurfsverbot ganz grundsätzlich – und wider geltendes Recht – egal ist: Austoschieberkärtchenverteiler, Pizzabringdienste, und politischen Gruppen die mittel- bis extremrechts anzusiedeln sind. Jüngst hatte es sich auch die AfD nicht nehmen lassen bei mir einzuwerfen, verbunden mit dem Apell, dafür zu stimmen dass wieder Recht und Ordnung in Bruchsal einkehre. Aber das ist eigentlich ein anderes Kapitel.

Eigentlich: Denn Recht und Ordnung sind auch Themen, die Herrn Reißer wichtig sind. Immerhin wünscht er in Bruchsal kein Wachstum und begründet das unter anderem mit dem damit verbunden Anstieg krimineller Probleme (also in ordentlichem Deutsch: Problemen, die kriminell sind). Nennen wir es korrekt „Kriminalitätsprobleme“ und fügen das Wort „potentiell“ hinzu, dann ist das naturgemäß sogar richtig, aber kein spezifisch Bruchsaler Thema.

Nicht ganz Unrecht hat er natürlich auch bei den von ihm beschriebenen Folgen der Verdichtung. Statt aber hier Lösungen aufzuzeigen für einen Prozess, der so oder so kommen wird, will er diesen verhindern. Demzufolge konsequent – aber nachhaltig falsch seine Infragestellung der unbedingt notwendigen besseren Anbindung der Bahnstadt. Denn diese Anbindung hat auch nicht zu unterschätzende autofreie Vorteile in Richtung Weststadt. Um so erstaunlicher dass keine Alternativvorschläge angeboten werden. Um also die Frage des Flyers zu beantworten: Ja, ich brauche diese Anbindung, weil ich regelmäßig dort zu tun habe, aber am anderen Ende der Stadt wohne.

Das von ihm angesprochene und nicht zu leugnende Verkehrsproblem löst er aber auch nicht durch Annäherung an die Fahrrad fahrende lokale Agenda 21. Auch hier ganz platt: Wachstumsverweigerung statt Problemlösung. Konkret wird er nur für die Autofahrer an der Holzindustrie (Die Idee stammt derweil nicht von ihm, er greift sie nur werbewirksam auf).

Bis hierhin ließe sich sicherlich sachlich und trefflich streiten. Aber nun kommen wir zum eigentlichen Klops: Die Rede ist von einer Umstrukturierung der Bevölkerung und dem drohenden Verlust der kulturellen Identität von Bruchsal.

Was ist denn die speziell kernstädtische Bruchsaler kulturelle Identität? Ich sehe die, wenn ich so etwas überhaupt in Betracht ziehe würde (ich mache es nicht ernsthaft) im längst untergegangenen Fürstbistum Speyer: Bruchsal war zwangsweise katholisch (das wirkt heute noch nach) und bisweilen in Opposition zum Fürstbischof. Eine nachhaltige Umstrukturierung hat es also ab der großherzoglich-badischen Zeit gegeben, als zunehmend erst Lutheraner und später uniert-evangelische Einwanderer kamen. Puuuh. So gesehen falle ich raus, ich bin evangelisch, und das nicht nur auf dem Papier sondern aus Überzeugung.

Oder nehme ich die Bevölkerung zu einem Zeitpunkt X und rechne jeden, der danach zugezogen ist zu denen, die für die Umstrukturierung der Bevölkerung (so nennt er es) verantwortlich sind? In meinem direkten Umfeld, soweit es in Bruchsal wohnt, sind Menschen aus Nord-und Mittelhessen, aus dem tiefsten Schwabenland, Oberbayern, Waghäusel, Kenia, Persien, und einiges mehr. Sie alle hatten irgendwann einmal einen Grund, nach Bruchsal zu kommen. Keinen einzigen dieser Menschen  möchte ich vermissen. Pfeif auf die Bruchsaler Identität, die ich dieser Logik zufolge ja auch nicht habe (ich habe mich erdreistet erst im zarten Alter von 1,5 Jahren nach Bruchsal zu kommen).  Oh Hoppla, Bernd Reißer kommt selbst nicht aus Bruchsal, er ist erst 1995 (also Jahrzehnte nach mir) hierher gezogen.

Und was ist dann mit der traditionellen Heidelsheimer Identität? Ist die mit der Eingemeindung verschwunden und zu einer Co-Bruchsaler geworden? Was verbindet Helmsheim mit Büchenau identitätstechnisch?

Identität ist in diesen Tagen ein brandgefährliches Wort geworden. Es zeugt von einem gewissen Leichtsinn, das Nein zum Wachstum mit der Forderung nach Beibehaltung der Kollektividentität zu begründen. Eine Kollektividentität, die es ohnehin nicht gibt.

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Richtig peinlich wird es, wenn man sich die Plakate des Kandidaten anschaut. Im Bestreben, ein Familienbild zu präsentieren – vermutlich, um damit seinen Forderungen nach Kinderfreundlichkeit Nachdruck zu verleihen – ist er sich nicht zu schade seine rund 5-jährige Tochter mit aufs Bild zu nehmen. Wie verantwortungslos! Das Kind kann gar nicht beurteilen was da geschieht, wofür das Bild genutzt wird. Und es hat später keinerlei Kontrolle darüber. Dem Kind werden also mutwillig zu politischen Zwecke Rechte genommen, die es später nicht einfordern kann. Nicht das Kindeswohl stand hier im Vordergrund, sondern das OB-Kandidatenwohl. Geht’ s noch ein wenig egoistischer?

Alles BlaBla eines CPS-Parteigängers?

Dann schauen wir doch einmal, was vergangenen Donnerstag bei der ersten Vorstellungsrunde passiert ist.

Da gab es mehrere Fragesteller/Vortragshalter, die bewusst auf Krawall und Provokation aus waren. Frau Petzold-Schick wehrte die erste Provokation fast schon staatsmännisch ab. Man kann von ihrer Antwort halten was man will, aber sie war nüchtern, sie war sachbezogen und reizte nicht zu weiteren Provokationen.

Ein paar Provokateure später der Reißersche GAU: Da wird der Mann zunächst noch, wenn auch etwas zu unsachlich, etwas Konkretes gefragt. Da antwortet er… irgendwie (die Worte waren jetzt nicht so dass ich sie mir hätte merken können). Da gerät der Fragesteller unnötiger Weise  weiter in Rage, stellt sich hinten an und kommt zu einer erneuten Frage dran. Und wird hochgradig beleidigend. Soweit so schlecht. So viel Facepalm ginge gar nicht. Aber dann begibt sich ein Mann, der OB werden möchte, auf noch tieferes Niveau herab und sagt wörtlich „Ich wollte mich mit Ihnen geistig duellieren, aber Sie sind unbewaffnet”.

Damit hatte der Provokateur am anderen Mikro sein Ziel erreicht. Und OB-Kandidat Reißer ist ihm voll auf den Leim gegangen, indem er sich selbst jedwelcher Glaubwürdigkeit beraubt hat. Denn niemand, der als Stadtoberhaupt ernst genommen werden will, darf sich so solchen Äußerungen herablassen. Das legitimiert nachträglich sogar den Angreifer und zeugt von einer Unreife, die dem angestrebten Amt des OB nicht angemessen sind.

Da zeigte sich sogar der 30 Jahre jüngere Nicht-Spaßkandidat Doneit deutlich souveräner.

Nein, ein Bruchsal, in dem so jemand das nominell höchste Amt innehat, das möchte ich nicht. Ein Bruchsal, das genötigt wird auf seine Identität zu schauen um so die bösen Zuwanderer abzuwehren, das möchte ich nicht.

Ich möchte ein Bruchsal, das Weltoffenheit, maßvolles Wachstum und sorgfältige Entwicklung miteinander vereint. Ein Bruchsal, das sich bewusst ist dass es alle paar Jahrzehnte sein Gesicht verändert (oder wer möchte das Bruchsal der 1970er Jahre zurück haben?

Ob Frau Petzold-Schick oder Herr Doneit dieses Bruchsal schaffen können, das weiß ich nicht. Ich traue es ihnen beiden aber zu. Herrn Bernd Reßer jedoch, dem traue ich den sachunkundigen Blick rückwärts zu. Ein Blick, der schon immer geschadet hat.

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One Response to Bruchsal den Bruchsalern

  1. Schnappschuetze sagt:

    Kein Widerspruch, ganz im Gegenteil! Ein Artikel, der sich mit meiner bescheidenen Wahrnehmung deckt.

    Es wäre interessant zu hören, wie die Veranstaltung letzten Freitag in Untergrombach im Vergleich lief. Heute Abend ja dann Heidelsheim!

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