Aus der Geschichte für die Zukunft lernen – Siegerentwürfe für geplanten Lernort Kislau stehen fest

Michael Huber und Götz Biller vom Sieger-Büro Rossmann + Partner mit der LZW-Vorsitzenden Selina Fucker sowie Projektleiterin Dr. Andrea Hoffend (v. l. n. r.)

Karlsruhe, 6. Juli 2016. Gemeinsam mit Vertreterinnen des Lernort Zivilcourage & Widerstand e. V. (LZW) präsentierte Landrat Dr. Christoph Schnaudigel am Mittwoch im Karlsruher Landratsamt die drei Siegerentwürfe des Architekturwettbewerbs für den Lernort Kislau. Die beiden ersten Plätze des bundesweit ausgeschriebenen Wettbewerbs gingen an zwei Karlsruher Architekturbüros.

In seinem Doppelhaushalt 2015/16 hat das Land Baden-Württemberg dem Lernort Zivilcourage & Widerstand e. V. Mittel für ein Anschubprojekt zur Errichtung eines außerschulischen Lernorts auf dem Areal des ehemaligen badischen Konzentrationslagers Kislau bei Bad Schönborn bereitgestellt. Anhand des Widerstands gegen den Nationalsozialismus sowie dessen Verbündete im Land Baden während der Weimarer Republik und unter der NS-Diktatur soll an diesem Lernort herausgearbeitet werden, was ein demokratisch verfasstes Gemeinwesen ausmacht, was es gefährdet oder zerstört und was daraus folgen kann. “Das Konzept, nicht nur Geschichte zu beleuchten, sondern demokratische Werte zu vermitteln finde ich sehr gut“, betonte Landrat Dr. Schnaudigel. „Dieser Lernort wäre ein Gewinn für den Landkreis, deshalb habe ich mich als Fachpreisrichter in der Jury engagiert und begleite das Projekt gerne weiter.”

Im badischen Teil Baden-Württembergs gibt es bisher keine Einrichtung, die eine integrierte Schau auf die Landesgeschichte der Jahre 1918 bis 1945 bietet. „Das möchten wir ändern“, so die Vereinsvorsitzende Selina Fucker. „Vor allem Schulklassen und anderen Gruppen junger Menschen möchten wir einen attraktiven Anlaufpunkt bieten, an dem dieses Kapitel der Regionalhistorie zeitgemäß aufbereitet wird.“

Heute der Justizvollzugsanstalt Bruchsal als Außenstelle dienend, steht das historische Kislauer Gebäudeensemble für eine Nutzung als Lernort nicht zur Verfügung. Deshalb hat der LZW im Frühjahr 2016 einen Architekturwettbewerb für einen Neubau auf dem angrenzenden Areal ausgelobt. Am Dienstag, dem 5. Juli fand die Sitzung des Preisgerichts statt.

Neben Landrat Dr. Schnaudigel und der LZW-Vorsitzenden Selina Fucker gehörten der sechsköpfigen Jury der Bad Schönborner Bürgermeister Klaus Detlev Huge sowie – als Fachpreisrichterinnen – Bärbel Hoffmann (Fellbach), Prof. Dr. Annette Rudolph-Cleff (Darmstadt) und Dr. Fred Gresens (Offenburg) als Vorsitzender an; Uwe Bellm (Heidelberg) und LZW-Projektleiterin Dr. Andrea Hoffend (Karlsruhe) fungierten als Stellvertreter. Aus 13 eingereichten Entwürfen wählte die Jury in geheimem Verfahren den Entwurf von Rossmann + Partner Architekten aus Karlsruhe auf den ersten Platz. „Wir freuen uns, dass wir Sie in Ihrer Arbeit unterstützen dürfen, denn Sie engagieren sich für ein gesellschaftlich hochaktuelles Thema“, betonte Götz Biller, einer der Partner des erstplatzierten Büros. Den zweiten Platz errang der Entwurf von Gassmann Architekten aus Durlach, der dritte Platz ging an Thoma Lay Buchler Architekten aus Stuttgart. Im Foyer des Landratsamts Karlsruhe können die Siegerentwürfe nun mehrere Wochen lang besichtigt werden.

Michael Huber und Götz Biller vom Sieger-Büro Rossmann + Partner mit der LZW-Vorsitzenden Selina Fucker sowie Projektleiterin Dr. Andrea Hoffend (v. l. n. r.) Michael Huber und Götz Biller vom Sieger-Büro Rossmann + Partner mit der LZW-Vorsitzenden Selina Fucker sowie Projektleiterin Dr. Andrea Hoffend (v. l. n. r.)

Grundriss Siegerentwurf Grundriss Siegerentwurf

 

Lernort Zivilcourage & Widerstand e. V.

Wie lässt sich die Aushöhlung einer Demokratie beizeiten erkennen und wie können wir dieser Entwicklung entgegensteuern? Antworten auf diese beiden Fragen hält unsere Geschichte zur Genüge bereit – sofern man die nationalsozialistische Diktatur nicht nur von ihrem Ende her betrachtet, sondern auch ihre Vorgeschichte hinreichend in den Blick nimmt. In diesem Sinne möchte der 2012 gegründete Lernort Zivilcourage e. V. die Weimarer Republik stärker in den Fokus von Forschung und Vermittlung rücken und den Zeitraum 1918 bis 1945 in seiner Gesamtheit betrachten.

Seit dem Frühjahr 2015 wird das ehrenamtliche Engagement im Lernort-Verein durch die Arbeit eines kleinen hauptamtlichen Projekt-Teams ergänzt. Im Zentrum der Arbeit steht die inhaltlich-konzeptionelle Vorbereitung des Lernorts Kislau. Das Land Baden-Württemberg finanziert das Projekt.

Vermittlungsansatz des Projekts Lernort Kislau

Eine Aufklärung über die Verbrechen der NS-Zeit ist und bleibt unverzichtbar. Die klassische Täter-Opfer-Zentrierung erreicht ihre Ziele jedoch nur noch bedingt. Statt Betroffenheit zu erzeugen möchten wir jungen Menschen einen Bezug zu ihrer eigenen Lebenswelt eröffnen. Auch deshalb rücken wir im Rahmen unserer Geschichtsarbeit vor allem diejenigen Menschen in den Mittelpunkt, die sich den Nationalsozialisten und deren Verbündeten aktiv entgegenstellten – indem sie die Weimarer Republik gegen ihre Feinde verteidigten oder indem sie später Widerstand gegen das NS-Regime leisteten.

Mit konkreten Beispielen aus dem eigenen regionalen Umfeld machen wir Geschichte anschaulicher und begreifbarer. Viele, die den Nationalsozialisten und deren Verbündeten schon früh Paroli boten, und viele, die später Rettungswiderstand leisteten, waren „Menschen wie du und ich“. Das erleichtert es, sich mit ihnen und ihrem Handeln auseinanderzusetzen.

Anhand des demokratischen Abwehrkampfs und Widerstands gegen den Nationalsozialismus im ehemaligen Land Baden möchten wir herausarbeiten, was ein freiheitlich-rechtsstaatliches Gemeinwesen ausmacht, was es gefährdet und was daraus folgen kann. Zu diesem Zweck entwickeln wir eine neuartige Kombination von Geschichts- und Wertevermittlung und tragen Fragestellungen fortwährender Gültigkeit an die historischen Ereignisse heran.

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